Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 4 (April 1926)
- Article
- Vater und Sohn
- Date
- 1926-04-01
- Page
- Seite 224 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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224 MENORAH Die neuen Schergen sprachen laut, riefen einander an, sangen, aber sie beleidigten ihre Gefangenen nicht. Sie respektierten den baldigen Tod. Man kam in der Schule an, die für die Tscheka eingerichtet worden war. Man trieb die Opfer ins Stiegenhaus. Ein großer Saal, einige Rotgardisten mit aufgepflanztem Bajonett an der Tür und im Saal. Ein großer Tisch. Etschenko und zwei Beisitzer. Etschenko schrieb. Die Matrosen betrachteten ihn achtungsvoll. Schreiben, das hieß: intelligent sein. Die Schraubstöcke der Fäuste hatten sich gelöst. Einer nach dem anderen, traten die Gefangenen vor. „Wer bist du?" — „Noworow, Kaufmann." — „Schmutzfink", sagte Etschenko. Zwei Männer führten ihn ab. Ins Gefängnis, zum Tode. „Und du?" — „Naim, Händler." Eine laute Stimme ertönte: „Ich kenne ihn." Naim erzitterte; es war die Stimme seines Sohnes! „Du kennst ihn? Woher?" „Von hier. Ich habe ihn seit jeher gekannt! Es ist ein braver Mann, der viel Gutes getan hat. Er gehört zu uns, ich bürge dafür." Etschenko betrachtete den jungen Mann. Er bewunderte seinen freien und entschiedenen Gesichtsausdruck. „Er ist ein Geizhals", sagte einer der Beisitzer und wies auf Naim. „Er hat einen Bürgen", murmelte Etschenko. „Nimm ihn mit," sagte er zu Naims Sohn, „du bürgst für ihn." Er hatte weder nach dem Namen, noch nach der Person des Bürgen gefragt. Aber ein Leben zu ersparen, das war vielleicht Gerechtigkeit, höchste Gerechtigkeit. Er unterschrieb einen Passierschein. „Naim? Richtig so? Du bleibst einer von den UnserenI" Naim und sein Sohn gingen fort. Der Sohn, die Hand auf dem Arm des Vaters, verhinderte diesen, zu laufen. Laufen, das hieß, neuen Verdacht wecken. Sie stiegen die Treppe hinab. Unten betrachtete ein Georgier lange den Passierschein Naims. Er konnte nicht lesen. Naims Sohn bot ihm eine Zigarette, ein Streichholz an. Sie rauchten. „Auf Wiedersehen, Genossel" Die beiden Männer gingen zusammen aus dem Hause, kreuzten einen Zug von Gefangenen, die von Rotgardisten eskortiert wurden, begegneten einigen betrunkenen Plünderern, die sie zu erkennen glaubten, Bürgern und weinenden Frauen. Naim und sein Sohn waren gerettet, für diesen Tag. Man vernahm das Getöse einer Füsilierung. „Exponier* dich nicht mehr so," sagte Naim zu seinem Sohne, „deine Mutter könnte aus Angst um dich sterben."