Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 3 (März 1926)
- Article
- Zur Gründungsgeschichte der Wiener Religionsschule
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 187 (sequence 2)
- Language
- German
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GRÜND.-GESCHICHTE DER WR. RELIGIONSSCHULE 187 Das auffallend große Interesse, das die österreichische Regierung der Errichtung jüdischer Schulen und darüber hinaus der religiösen Erziehung der jüdischen Jugend entgegenbringt, so der Abfassung geeigneter Lehrbücher, sogar dem Besuch des Gottesdienstes durch die Jugend, steht in keiner Parallele zu der Judengesetzgebung in anderen Ländern um die gleiche Zeit. Hiefür kommen eine Reihe von Gründen in Betracht. Zunächst das in der Introduktion zum 8. Punkte des Toleranzpatentes vom 2. Jänner 1782 angeführte Motiv: „Die jüdische Nation hauptsächlich durch bessere Unterrichtung und Aufklärung ihrer Jugend und durch Verwendung auf Wissenschaften, Künste und Handwerke dem Staate nützlicher und brauchbarer zu machen .. Ferner das Bestreben, die Moralität der Juden zu heben; ein Motiv, dessen Wurzel in den altererbten Vorurteilen von der schlechten Judenmoral liegt und das in vielen Erlässen und Dekreten, „Vorträgen" und Gutachten offen ausgesprochen wird. Weniger offen wird ein dritter Beweggrund dieser auffallenden Sorge um das jüdische Erziehungswesen beim Namen genannt, nämlich die Tendenz, die Juden zu germanisieren. Dieses Motiv spricht sehr deutlich gerade in der Geschichte der Wiener Religionsschule aus den trotz mehrfacher Ablehnung durch die Tolerierten immer wieder erneuerten Urgenzen der Behörden, aus der als Religionsschule eingerichteten Lehranstalt doch noch eine Normal- und Hauptschule zu machen. Auch sah es die Regierung nicht gerne, daß die Wiener Juden ihre Kinder von den Hauslehrern, die meist Ausländer waren, unterrichten ließen. Einmal floß dadurch Geld ins Ausland ab und dann, wer bürgte dafür, daß so ein Ausländer nicht etwa einen in Österreich polizeiwidrigen Freiheitssinn mitbrachte und in die jungen Seelen pflanzte? Das immerhin merkwürdige Interesse der Regierung für ein eigenes jüdisches Schulwesen ist auch nicht zuletzt auf die Nebenabsicht zurückzuführen, auf diese Weise die jüdischen Kinder aus den öffentlichen christlichen Schulen zu entfernen, um der Schule den sehnlichst gewünschten konfessionellen Charakter zu geben. Gerade der letztere Umstand aber war es, der die von einem tiefen Gehorsam gegen die Regierung und einem echten auf Dankbarkeit gegründeten Patriotismus erfüllten Tolerierten unbeugsam machte und ihnen die Kraft gab, allen den wiederholten und häufigen „Einratungen" der Regierung, doch eine eigene Trivial- oder Hauptschule zu errichten, ein entschiedenes Nein entgegenzusetzen. Das Recht, ihre Kinder in die öffentlichen, christlichen Schulen zu schicken, war ihnen