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Menorah · 1926-03-01 · Heft 3 (März 1926) · p. Seite 184

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 3 (März 1926)
Article
Die beiden Schwerter
Date
1926-03-01
Page
Seite 184 (sequence 6)
Language
German
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184 MENORAH wo ich beten, keine, der ich mich mit meiner dürstenden Seele nähern durfte. Ich sah mich durch meinen eigenen Irrtum ausgeschlossen aus dem Verbände der religiösen Gemeinschaft; Kirche wie Synagoge hielten mich mit gleichmäßiger Abneigung von ihren Pforten zurück. Und doch war ich im Innersten meines Gemütes ein Kind meines Volkes, ein Sohn meiner Eltern geblieben! Ich erkannte, daß keine Gewalt auf Erden mich an den innigsten Verband mit den Erinnerungen meiner Kindheit, mit den anerzogenen Gewohnheiten der väterlichen Religion vergessen machen konnte. Ich war Fleisch von ihrem Fleische und mein Blut war aus ihrem gekommen! Alle Ströme der Welt hätten diese Erinnerung aus meiner Seele nicht zu tilgen vermocht. Heimatlos irrte ich umher, vom Betteln und niedern Gewerbe mein Leben fristend, von Sehnsucht nach Vater und Mutter aufgezehrt, und dennoch schwankend, ob ich dem heftigen Drange nachgeben solle, ob nicht. Mut und Feigheit wogten in mir, wie zwei Wasser, die um die Herrschaft über das Erdreich streiten.. . Da endlich... nach langem Ringen und Kämpfen haben zwei kleine Worte meinen Entschluß zur Reife gebracht..." „Und sie lauteten?" rief der Kaiser, sich erhebend. „Ich lag krank und erschöpft von Seelenkampf und Entbehrung im Spital des Barmherzigenklosters in einem bayrischen Städtchen. Neben mir lag ein anderer Kranker, der mit zerschmettertem Fuße, schon sterbend, hieher gebracht worden war. Der Fuß wurde ihm abgenommen, aber es trat der Brand hinzu. Da nahte sich ihm der Priester, um ihm die letzte Ölung zu verabreichen; er aber wies sie von sich und bekannte sich als Jude. Und trotz allen Zuredens verblieb er dabei, daß er in der Religion seiner Väter, in der er bisher gelebt, nun auch sterben wolle. Nicht ohne Zürnen über seine Verstocktheit verließ ihn der Priester. In der Nacht hörte ich den Todkranken neben mir bitterlich weinen. ,Was begehrst du?' fragte ich ihn. Da rief er mit fast erloschener Stimme: ,Wenn nur Einer da wäre, der mit mir meine Totengebete sagen könnte!' Da stand ich auf, schwach und krank, wie ich selber war, und sagte zu ihm: ,Beruhige dich, Bruder, ich will sie mit dir sagen.' Ich faßte nach seiner Hand, die bereits eiskalt war, und begann das übliche: ,Schma'h Israel!' Er wiederholte die beiden Worte und war tot!" Adrian Fingerhut hielt inne, er vermochte nicht weiter zu sprechen, ein heftiger Tränenkrampf erstickte seine Stimme. In der Stube herrschte lautloses Schweigen, der Kaiser sowohl wie der Stadtdechant hielten an sich.

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