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Menorah · 1926-03-01 · Heft 3 (März 1926) · p. Seite 183

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 3 (März 1926)
Article
Die beiden Schwerter
Date
1926-03-01
Page
Seite 183 (sequence 5)
Language
German
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DIE BEIDEN SCHWERTER 183 „Das Toleranzedikt war eine Abschlagszahlung, ein mageres Almosen an den Bettler, ein dürftiges Gewand, das über die Blößen und Wunden meines Volkes geworfen ward. Ich erwartete mehr. Ich hoffte volle Gerechtigkeit und unverkürztes Recht. Ich erwartete, das christliche Herz Josef des Zweiten werde das Wort „Duldung" bloß für einen flüchtigen Augenblick ausgesprochen haben, jenes häßliche, den Gottesgedanken schändende Wort, das zwischen Menschen und Menschen Berge und Klüfte auf wirft. All mein Empfinden und Denken geriet in Tumult, die Idee des Kaisers erfüllte mich so ganz und gar, die Vorstellung von jener allgemeinen Liebe, wie sie die Kirche lehrt, hatte sich derart meiner bemächtigt, daß ich in fieberhafter Aufwallung, in einer beinahe krankhaft gewordenen Hast keinen anderen Gedanken fassen konnte, als ... mir die Aufnahme in diese Kirche zu verschaffen. Was weiter geschah, wissen Sie, gnädigster Herr... und namentlich der Herr Pfarrer .. Dicke Schweißtropfen perlten auf der Stirne des jungen Mannes; er hielt inne. „Weiter!" gebot der Kaiser. „Es blieb bei dem AlmosenI" fuhr Adrian Fingerhut fort, „der Kaiser beließ es bei der ärmlichen Abschlagszahlung. Das Wort Toleranz wurde nicht gelöscht, im Gegenteile, gerade in dem dürftigen Lichtschimmer, der über das Elend meines Volkes gebreitet ward, erschien es mir erst in seiner ganzen Erniedrigung. Wenn Josef der Zweite das wenige, was er dem gedrückten Protestanten und dem rechtlosen Juden gewähren konnte, der Mehrheit seiner Untertanen wegen Duldung nennen mußte, wie stand es dann um das Prinzip jener allumfassenden L ieb e, in deren sichtbare Kirche ich meine Aufnahme bewirkt hatte. Kennt die Liebe Unterschiede? Hat sie ungleiche Maße? Da erwachte ich wie aus einem Traume, der Druck wich von meinem Gehirne, und ich geriet in ein Elend, wie es noch kein Menschenkind ertragen hat." „Fassen Sie sich!" rief der Kaiser, der bemerkt hatte, daß der junge Mann tief erschöpft war. „Ich will weiter sprechen", begann Adrian Fingerhut aufs neue. „Als ich nun gewahr wurde, daß ich mich in einer Wildnis voll unentwirrbarer Widersprüche befand, da wurde der Drang, den Ausweg zu finden, in mir von Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde immer heftiger und begehrlicher. Ich hatte die Heimat verlassen, Mutter und Vater verlassen, ich irrte in der Fremde umher, ruhelos und gepeinigt, nirgend heimisch, nirgend wohl mich fühlend. Ich hatte keine Stätte,

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