Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 3 (März 1926)
- Article
- Wiens Dichter aus dem Judentum
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 177 (sequence 5)
- Language
- German
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WIENS DICHTER AUS DEM JUDENTUM 177 konnte. Einer, der „zu früh am Wege starb", wie sein wuchtiger Wiener Studentenroman, ein Roman des Elends und der Enttäuschungen, betitelt ist. Als Konrad Ferdinand Meyers Schüler hatte David in seiner gehämmerten Weise begonnen. Aber erst als die Russen über ihn Gewalt bekamen und er immer tiefer in seelisches Geheimnisland tauchte, ward David er selbst, einer der knorrig eigenartigsten Schilderer seiner mährischen Heimat. J. J. David hat, wohl als Künstler vom katholischen Mystizismus gelockt, seinen äußeren Zusammenhang mit dem Judentum abgetan, der innere haftete um so stärker. „Ich bin aus Judas finsterem Stamme, du bist wie Seehauch sanft und lind", hatte er einmal gesungen, und in dem mächtigen Nachtstücke „Gehenna" hat ein Wissender die Größe des alten Prophetentums vor uns aufgerichtet und uns alle Schauer fühlen lassen, die man, in die Hölle der eigenen Seele blickend, durchlebt. Ich wandre der Stadt, dem Ring, entgegen. Die spielerische'Anmut eines Wiener Vorfrühlingsabends streichelt um meine Stirn. Da.. . vor der Universität. .. fast körperlich nah tritt mir die Erinnerung an den Dichter entgegen, J. J. Davids Jugendgenossen in den Studententagen — der zum Propheten ward, weil ja Dichter- und Prophetentum in einer Seele benachbart wohnen: Theodor H e r z 1. Ein Dichter in der Tat, wenn auch sein Ruhm, der literarische, auf seinen Feuilletons sich gründet. Aber diese Feuilletons, „Der Schwarzenberggarten", „Aquis submersus" — kleine Kunstwerke der Sprache: so deutsch, stormischdeutsch beinahe in der Zartheit des Gefühls, aber farbig durchleuchtet, von jener träumerischen Weichheit psalmodischer Klänge. Ich habe Herzl nur wenige Male gesprochen, noch vor der Zeit, da er den „Judenstaat" entwarf. Aber schon damals war mir, so oft ich ihn sah, als schwebe unsichtbar über seinen stolzen Schultern ein Königsmantel. Immer werbender werden — je tiefer ich jetzt in den Abend und in die Stadt hineingleite, die Lebensstimmen, immer ferner versinken die Schatten. Das Wien von heute, die Dichter von heute — so viele, und die führenden fast alle jüdischen Stammes, alle fast, die unserer Dichtung europäische Geltung gaben. Arthur S chnitzler und Beer-Hofm a n n und Hofmannsthal (gemischten Blutes), seine Ahnenreihe leitet vom Vater her zu einem Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde zurück — welch ein feiner, geistiger Reiz, nachzuspüren, wie über der deutschen, nein, über der wunderbar österreichischen Gedanken- und Gestaltenwelt dieser Poeten ein Hauch der Erinnerung an eine ferne Vergangenheit gebreitet ist.