Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 3 (März 1926)
- Article
- Wiens Dichter aus dem Judentum
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 176 (sequence 4)
- Language
- German
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176 MENORAH Poet, der vor Hamerling bereits — der Unrast Israels gedenkend — ein grüblerisches „Ahasveros"-Epos gewagt hatte. Ihm voraus schreitet in schlanker männlicher Fülle der „hellenische Jude'4 Moriz Hartmann — seine Verse, leider auch sein schönes Lied an das Meer und sein deutschböhmischer Waldroman sind längst verrauscht, aber noch lebt an ihn die Erinnerung um seine geistig edelmännische Erscheinung. Eine Frau, das weiße Haar gescheitelt, Hoheit in den strengen, wie gemeißelten Zügen, tritt jetzt aus der Schar der gekränzten Schatten. Eine Frau, von der milden Ruhe einer Lehrerin und doch hatte sie um sich etwas Priesterliches, eine „Priesterin der Kunst", wie man pathetisch zu ihren Tagen der Herwegh- und Geibel-Zeit sagte. Elisabeth Glück, unter dem Namen Betty P a o 1 i selbst von Grillparzer und Marie Ebner-Eschenbach hochgeehrt, ist heute nur noch von Gourmets der Lyrik gekannt. Man hat gegen sie das Wort „rhetorisch" geschleudert und vergessen, daß die gesteigerte Empfindung auch den gesteigerten Rhythmus erweckt. Man vergißt, daß man ihr das wunderschöne, schmerzliche Lied verdankt: „Ich bin nichts weiter als ein Herz, das viel gelebt und viel gelitten", und daß in ihren Visionen etwas prophetisch Großes herübertönt. Daniel Spitzer, der „gerechte Israelite", wie ihn Ludwig Speidel nannte, und dessen ernsthafte Silhouette—ernsthaft wie die der meisten Humoristen — sich jetzt von dem abendlich umflorten Horizonte hebt, hat nur wenige mit seinem Spott geschont. Aber Betty Paolis reine Seele war seiner zu sehr verwandt, als daß er ihr mit den Stacheln seiner Satire genaht wäre. Daniel Spitzer — einer der ganz großen Meister der kleinen Form — der größte vielleicht, der nach Lichtenberg gekommen — man hat seinen Witz, wie den Heines, „jüdisch" gescholten. Man mag es sich gefallen lassen, wenn man darunter das Wahre des Judentums versteht, das Makkabäertum des Geistes, die Freude an männlich-geistigen Turnieren. Der Abend hat sich inzwischen gesenkt, und ich schreite abschiednehmend von den Schatten des alten Wien, die stille Gasse hinauf. Jetzt... an ihrem Eingang, steigt vor mir das Bild des Mannes auf, der mir zuerst von diesem Friedhof gesprochen. Er war mir befreundet und ich danke ihm und seiner herb durchdringenden Art, die Menschen und die Kunst zu sehen, manches. Ein Jude aus Bauernblut, breitschulterig, knorrig, massig. J. J. D a v i d ist es, eines der dichterisch ernstesten Talente Wiens, das nach hartem und zähem Ringen zu früh niedergezwungen ward und gefällt wurde, bevor es sein Werk beenden