Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 3 (März 1926)
- Article
- Wiens Dichter aus dem Judentum
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 175 (sequence 3)
- Language
- German
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WIENS DICHTER AUS DEM JUDENTUM 175 durch einen Tintenfleck verunzierten Frack — ein Mann, der zu seinen Tagen mehr gegolten als er verdiente. Ein Mann, der gar keiner war — der nur Witze, diese abscheulichen Wortwitze, diese ,,Flöhe des Gedankens" in sich beherbergte, dessen lyrischer Unrat „Wilde Rosen4* — er meinte, dies seien Gedichte — aus schleimig seichten, trüben Gefühlswässerchen aufsprossen. Grillparzer hat ihn mit einem höhnenden Wort, das seine Abkunft verunglimpft, durch die Gassen gestäupt. Auch jener Herr in verschlissener Vormärz-Beamtenuniform Herr von Mosenthal hat keinen Anspruch auf dauerndes Gedächtnis, obgleich er das Burgtheater zu einer Zeit beherrschte, da es Hebbel und dem einsam alternden Grillparzer verschlossen war und er ob solcher Verdienste vom Kaiser zum Ritter geschlagen ward. Seine Schauspiele und Operntexte sind rhetorisch gefärbt, Daniel Spitzer hat dem eitlen Ministerialoffizial, Poeten und Ritter in seiner neuen Würde dem noch nicht ausgelöschten Gelächter preisgegeben. Erinnert ihr euch, wie Kürnberger, ein unnachsichtiger Richter, über seine rasselnden Jamben gespottet? Aber dennoch glühte auch in ihm einmal der Funke, in jenem Worte der „Deborah", da über das Ahasverosleid Judäas geklagt wird. Er wurde — da ihn, wie aus der Ferne der Geschichte herüber, der Ruf eines Volkes traf, seines Volkes, wenn er sich auch von ihm losgesagt, zum Dichter. Wegen dieser wahren Empfindung, wenigstens einen Augenblick lang, lebt und rührt uns diese Stelle der „Deborah" noch immer. Nun kommt ein kleiner, freundlich sinnierender Herr mit klugem Blick hinter den scharfen Brillengläsern, dicht zu dem Stein und bemüht sich, ein Kenner des Hebräischen, die Inschrift zu entziffern. Es ist der Achtundvierzigersänger Ludwig August F r a n k 1, der das Lied von der Universität geschmettert, Arzt und Sekretär der Kultusgemeinde, Anastasius Grüns und Lenaus Freund und Herausgeber seiner Schriften, ein Mann, der sich zu bescheiden wußte und den darum Grillparzer und selbst der unwirsche Hebbel gern um sich sahen. Sein „Ghristophoro Colombo" ist längst verrauscht und auch seine Lieder, in denen Grün und Lenau nachklangen, sind — nicht durchaus mit Recht — verweht. Aber sein Sturmgesang für die Freiheit der Wissenschaft und seine Erinnerungen an das denkwürdige Jahr gehören zur Geschichte, vielleicht weniger der Dichtung, als dieser Stadt. Arm in Arm mit ihm ein liebenswürdig stattlicher Mann, Leopold K o m p e r t, der Meister mährischer Dorfgeschichten und ein verhutzeltes Büchermännchen, Seligmann Heller aus Prag, der in Wien sich auch geistig angesiedelt, ein gelehrter Literator und prophetischer