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Menorah · 1926-03-01 · Heft 3 (März 1926) · p. Seite 174

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 3 (März 1926)
Article
Wiens Dichter aus dem Judentum
Date
1926-03-01
Page
Seite 174 (sequence 2)
Language
German
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174 MENORAH Sie waren Dichter, auch diese Ungekannten, und sind jetzt namenlos — wie wir es einst sein werden, wenn, was wir sinnen und singen, wieder in den Schoß des Volkes, des deutschen, das auch sein deutsches Judentum in sich schließt, gesunken ist. Euch grüß' ich zuerst, ihr unbekannten Wiener Dichter jüdischen Geblütes, unter diesen Steinen. Vielleicht ist noch irgendwo in einem Haus ein Wort, ein Brief, ein Vers von euch aufbewahrt, daraus noch heute die Flamme der Dichtung schlägt. Ich weiß davon nichts, aber ich ehre die ruhmlosen Brüder von einst, die stillen Dichter, in denen doch heimlich einmal der Geist einer Stadt und eines Volkes lebte — euch grüß' ich, ihr Kaufherren und Schriftgelehrte, von denen jeder, einmal wenigstens in seinem Leben, ein Dichter gewesen. Jetzt, da ich auf dem Stein ausruhend, dem Odysseus gleich, den Schatten gebiete, kommen sie näher zu mir heran. Es sind Männer im altmodischen und oft verschlissenen Gewand, die Wiener Poeten von dazumal, und auch eine Frau ist darunter, mit scharfen, vom Denken gezeichneten Zügen, vor der sich alle neigen. Ein vormals all vermögen der, bei Hof und bei der Regierung gebietender Herr schreitet dem Zug voraus: der Freiherr von Sonnenfels, der den Hanswurst von der Wiener Schaubühne verbannte und im günstigen und weniger günstigen Sinn von dem damals, im Josephinismus, eben aufstrebenden Wiener Theaterwesen nicht mehr fortzudenken ist. Ein Jude, aus der mährischen Provinz nach Wien gewandert, und bald eine Macht, die stärkste und streitbarste im Kampf für die Freiheit des Geistes. Eine Macht, mit der sich selbst Lessing, da er sich dem Wiener Theater näherte, auseinandersetzen mußte. Ist er ein Dichter gewesen, dieser analytische Geist? Keineswegs. Aber dennoch steht er mit seiner geistig schmalen, klug sondernden, alles Gemeine und Rohe abwehrenden Hand für immer am Eingang der deutschen Dichtung in Österreich, in die sich stets farbig-lebendig ein Ton des „Jüdischen" mischte. Jahrzehnte nach ihm, um die Wende zur neuen Zeit, der neuen Freiheit, kamen erst jene jüdischen Dichter Wiens, deren Schatten jetzt vordringend oder in bescheidener Ferne sich dem Sitz des nach rückwärts hin Betrachtenden nähern. Einer mit einer Brille, dem schwarzen Krauskopf, dem spöttisch hinaufgezogenen Mund, tritt sogleich mit jener Verbeugung näher, mit der er vormals den Dank für seine berühmten Vorlesungen in Baden oder auch in Wien in den überfüllten Sälen einem verehrlichen, aber nicht sehr geschmacksicheren Publiko zu quittieren pflegte. Es ist Herr Moriz Saphir, im blauen,

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