Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 3 (März 1926)
- Article
- Wiens Dichter aus dem Judentum
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 173 (sequence 1)
- Language
- German
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Wiens Dichter aus dem Judentum Von Paul Wertheimer Nahe dem Herzen der Stadt, in der grauenAlservorstadt, ist zwischen hohen Häusern in einen winkeligen Hof geklemmt ein vergessener jüdischer Friedhof. Zerborstene Steine, von Moos umzogen. Von manchen leuchtet noch in goldenen Buchstaben eine verblichene Inschrift, ein verwittertes Sinnbild. Da ist ein Hirsch im Ansprung, ein Adler schwingt sich auf, ein Karpfen scheint nach Luft zu schnappen, ein Löwe blickt gutmütig drein. Die berühmten jüdischen Familien mit den Tiernamen haben, wie man merkt, hier ihre Ahnen. Ein verschollener Friedhof, bei dem ich oft an Prag und an sein Ghetto und den Judenfriedhof denke, über dem die Geschichte eines Volkes und einer Stadt zu schatten scheint. Ich sitze dort manchmal in der Gräberstätte inmitten des alten Gäßchens und denke den versunkenen Zeiten und Geschlechtern nach. Hier liegen sie nebeneinander, die einst mächtige Kaufherren und Rabbinen, Händler und Schriftgelehrte waren. Sie sind in ihrem dunklen Ghetto, arbeitend und betend, der Stolz ihrer Gemeinde gewesen. In ihrem dunklen Ghetto.. . aber dennoch strahlte, was hier in dieser Stadt an Kunst und Wissen aufgeblüht, verstohlen hinein. Und es geschah allmählich, daß alle Kunst und alles Wissen sich hier widerspiegelte, ja, alles Geistige dieser Stadt ist von diesen Kaufherren und Schriftgelehrten, vom Judentum, nicht zu trennen. Sie mögen es leugnen oder dagegen wettern: Hier, an der Wegscheide zum Osten hin, hat sich deutsches und östliches Wesen wunderbar gemengt. So ist in Wien eine Dichtung — auch eine Gesittung — aufgeglüht, deren Reiz nur der national Beschränkte nicht empfindet. Solches bedenkend, sitze ich oft zwischen den moosumwachsenen Steinen und halte mit ihnen Zwiesprache. Da steigen Schatten auf, Schatten von Männern, die einst lauter leuchtende Namen trugen. Es sind Wiens gestorbene Dichter aus jüdischem Stamm, Männer, die ich selbst noch in schon verdämmernder Jugendzeit kannte oder in deren Schriften ich damals las. Ich grüße sie, aber zuvor neige ich mich noch zu den Steinen und spreche mit denen, die darunter ruhen. Auch sie kannten die Sehnsucht, ihre Gedanken glitten über das Meer nach ihrer Väter Heimat hinüber, nach Jerusalem, und sie seufzen wohl auch: „Wehe mir, vergaß ich dein." Sie fühlten die Schönheit der Psalmen Davids und eigene sprangen ihnen auf die betenden Lippen.