Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 3 (März 1926)
- Article
- Isak Noa Mannheimer, Dr. Adolf Jellinek und Dr. Moritz Güdemann im Stadttempel
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 162 (sequence 5)
- Language
- German
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162 MENORAH prägnant und treffend ist, daß er es wohl nur dem Zusammenwirken der jetzigen Zeitumstände verdanken mag, wenn der Herr Staatsanwalt davon keine Notiz nimmt." („Die Zeit", 1896, Nr. 94, S. 36.) Unter der Schriftstelle ist Jesaias I, 6 ff. gemeint. Dr. Güdemann, der nach dem Tode Jellineks die Kanzel des Stadttempels übernahm, war wohl kein zündender, hinreißender Prediger, aber, wenn es nottat, ein Redner von Wuchtigkeit und Zielsicherheit. Diese beiden Eigenschaften kamen auch in seinen Reden zum Ausdrucke, die er bei wichtigen Anlässen außerhalb des Tempels hielt. Wem noch in Erinnerung ist, wie in den schwersten Zeiten des russischen Beilis-Prozesses Dr. Güdemann in kühnen Worten das damals von Herrschern und Staaten gefürchtete Zarenregime auf die Anklagebank der Weltgeschichte zerrte, wird sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß das Wiener und mit ihm das österreichische Judentum in den Worten seiner religiösen Führer ein gutes Teil seines inneren Haltes zu verdanken hatte. Diese wenigen Beispiele beleuchten das Wirken dieser drei Männer in ihrer großzügigen Einflußnahme auf die äußere Gestaltung der Wiener Judenheit; nicht minder ergreifend war ihr jahrelanges Schaffen im kleinen. Von aufrüttelnder Begeisterung allein kann aber eine Gemeinde auf die Dauer nicht leben; sie bedarf noch hiezu der stillen rastlosen Bemühung. Hierin zeigten sich die Differenzierungen der drei Männer. Mannheimer war der Seelsorger, Jellinek der Förderer der Wissenschaft, Güdemann der Rabbiner in des Wortes vollster Bedeutung. Fast alle größeren Institutionen, die der Wiener Gemeinde zum Ruhme gereichen, sind unter Mannheimers direkten oder indirekten Einfluß entstanden. Im Jahre 1856, anläßlich der dreißigjährigen Amtszeit Mannheimers, schrieb der Vorstand an ihn voller Anerkennung: „Vordem — wieviele unter den wenigen sind nicht abwendig geworden, aber seitdem Ihr gewaltiges Wort unter uns erscholl, wie nur wenige von den vielen! Vordem — wieviele unter den wenigen Institutionen der Gemeinde waren da nicht armselig und verfallen — aber heute fehlt den zahlreichen Anstalten, die wir unter Ihrer umsichtigen und eifrigen Waltung erlangten, nur ein Geringes, um sie zu vollendeten und musterhaften zu erheben." (G. Wolf, Kultusgemeinde Wien, S. 50.) Dr. Adolf Jellinek hatte nicht bloß in seinen glänzend gehaltenen Predigten oft und oft auf neue Quellen der jüdischen Wissenschaften hingewiesen, er verstand es auch, einen Kreis jüdischer Gelehrter und Forscher um sich zu scharen, aus deren