Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 3 (März 1926)
- Article
- Der Seitenstetten Tempel
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 154 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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154 MENORAH neuerbauten israelitischen Tempels, von der ich mich bescheide, bloß den Eindruck, den sie auf mich machte, wiederzugeben, anderen überlassend, ihre und des Baues Geschichte zu schreiben. Du trittst in eine Rotunda, die durch eine kühngeschwungene Kuppel reichliches Tageslicht empfängt. Zu den beiden Seiten des hohen Portales, in einiger Entfernung von der Hauptmauer, laufen zwölf Säulen von jonischer Ordnung und den reinsten Verhältnissen in gemessenen Zwischenräumen, die eine Doppelgalerie bilden, gegen die Schranken hin, welche die erhöhte Bühne im innersten Halbkreis von dem übrigen Räume des Tempels abscheiden. Sie steigt auf einigen Stufen von den Schranken, vor denen das mit grünem Sammt bedeckte Sängerpult steht, zu dem mit rotem Sammt ausgeschlagenen Rednerpult und von diesem zur Bundeslade empor. Diese insbesondere, ja diese allein fordert und fesselt mit großartiger Einheit des Eindruckes den Blick des Beschauers. Sie war verhängt mit einem Sammtstück in Karmesinfarbe, worauf ein Spruch in hebräischer Goldschrift prangte. Hoch über demselben ragten, in Stein gehauen und von einer Glorie umgeben, die Tafeln des Gesetzes, gleichfalls mit Goldschrift und auf dem Gesims unterhalb ruft eine Zeile, die ich mir übersetzen ließ, dem Gläubigen zu: Bedenke, vor wem Du stehst! Vor dem Auftritt zum Allerheiligsten sieht man rechts und links einen Prunkleuchter weit über Mannhöhe und darauf brennen zwölf Kerzen, vermutlich nach Anzahl der Stämme Israels, wenn man bei dieser Zahl nicht überdies an die zwölf Monate denken darf, in die nach Herodot schon die Ägypter, unter denen die Israeliten so lange lebten, das Jahr eingeteilt hatten. Die übrige Abendbeleuchtung ging von einer Reihe Kerzen in den beiden halbrunden Seitenlogen und von einer Menge anderer auf den riesigen Kronleuchtern aus, die aus der stark vergoldeten Holzarbeit von der Wölbung im Vorderteile herabhängen. Soviel von Bauart und Ausschmückung dieses Tempels, der an Größe und Pracht übertrofTen werden kann, aber, was den Geschmack betrifft, sich mit jedem messen mag." Und vom Urheber? „Der Baukünstler ist Herr Architekt und Mitglied der Akademie der bildenden Künste Josef Kornhäusel, ein geborener Wiener, und sein Verdienst war um so größer, je mehr Schwierigkeiten der Örtlichkeit zu überwinden waren." Endlich die Feierlichkeit? „Zu dem Feste des Abends hatte sich eine gewaltige Versammlung eingefunden. Alle Männer erschienen wie gewöhnlich mit bedecktem Haupte und, einer andern Sitte des Morgenlandes gemäß, bildeten die Frauen der Israeliten eine abgesonderte Ver-