Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1926-03-01 · Heft 3 (März 1926) · p. Seite 150

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 3 (März 1926)
Article
Der Seitenstetten Tempel
Date
1926-03-01
Page
Seite 150 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2912821-2912853-2912857-2917104--02908-2917203
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

150 MENORAH Am 8. Februar 1811 war den Wiener Juden vom Kaiser Franz I. zum erstenmal die Erwerbung eines gemeinschaftlichen Hauseigentums bewilligt worden, welches zu einem Teil sowohl für die Abhaltung des Gottesdienstes wie auch des Religionsunterrichtes bestimmt war, während der übrige Teil anderweitig vermietet blieb und mit seinem Erträgnis die Fürsorge für sieche und sonst bedürftige Glaubensbrüder ermöglichen half. Dieses weitläufige Gebäude lag schon auf dem Baugrund des späteren Tempels, im damaligen ,, Stuben viertel", dort wo der alte „Kienmarkt" in den abschüssigen „Katzensteig" einbog, und führte den Namen „Dempfingerhof". Bei der neuen Konskription erhielt es statt der Nummer 528 die Nummer 494. Sein Besitzer Felix Freiherr von Friedenthal hatte sich 90.000 Gulden zahlen lassen, trotzdem er selbst, nur sechs Jahre vorher, bloß 60.000 dafür hergegeben hatte. Das war also ein gehöriger Profit. Und die Transaktion erscheint in einem noch trüberen Lichte, wenn man bedenkt, daß sich schon zu Beginn 1823 das Haus derart baufällig erwies, daß die Behörde seinen Abbruch verfügen mußte. Immerhin bot es vorderhand eine beträchtlich bessere Unterkunft als das bisherige Betzimmer im „Weißen Stern" in der Sterngasse, das von einem Rundschreiben aus dem Jahre 1811 geradezu abschreckend geschildert wird; denn hier hieß es: „Ohne Ekel und Grausen kann keiner dieses finstere, nasse, unterirdisch gelegene Gemach, welches eher einem Kerker als einem Gotteshause ähnlich sieht, betreten". Unter solchen Umständen mochte der für Bet-, Lehr- und Badezwecke teilweise adaptierte Dempfingerhof, wohin auch die alten gottesdienstlichen Gegenstände aus dem „Weißen Stern" gebracht worden waren, den Beteiligten als ein angenehmer Aufenthalt erscheinen. Aber das währte nicht lange. Zu schroff waren innerhalb der Wiener Judenschaft die sozialen und geistigen Gegensätze geworden, als daß ihre beiden Lager auf die Dauer hätten beisammen bleiben können. Um 1820 zählte man in Wien — sofern wir einem glaubwürdigen Zeitbericht folgen dürfen — 137 tolerierte Juden oder, samt ihren Familien, nicht viel mehr als 500 Seelen; die übrigen Glaubensgenossen waren Dienstleute oder Fremde. Der überwiegenden Mehrheit des Mittelstandes, der durch die letzten ungünstigen Jahre herabgekommen oder geradezu proletarisiert war, stand die kleine Schicht der Begüterten und Angesehenen, zum Teil auch schon Geadelten entgegen. Sie haben mit freigebigen Händen — die erhaltenen Rechnungen belegen das — für die gemeinnützigen Zwecke das meiste getan, ihnen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.