Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 3 (März 1926)
- Article
- Der Seitenstetten Tempel
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 149 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912857-2917104--02907-2917202- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DER SEITENSTETTEN TEMPEL m 9. April 1926 werden es hundert Jahre sein, daß der erste j\ Wiener Tempel in der heutigen Seitenstettengasse feierlich eingeweiht worden ist. Aus diesem Anlaß will die Geschichte seiner Gründung kurz erzählt werden. Aber selbst der Kunsthistoriker, der sonst gern rein bei seiner Sache, also beim Kunstwerk bleibt, wird sich im gegenwärtigen Fall nicht mit dem Bericht über den Bau begnügen dürfen, sondern er wird die urhebenden Kräfte sozialer und geistiger Art wenigstens einigermaßen mit in Betracht ziehen wollen. Denn nicht wie sonst erklärt sich dieser Bau schon hinreichend aus den Beziehungen zu seinem Künstler und zum Stil seiner Zeit; er kann nur aus dem ganzen kulturellen Zusammenhang, namentlich aus der Mitwirkung des vielköpfigen Bauherrn, richtig verstanden und gewürdigt werden. Ein solcher unumgänglicher Rückblick auf die maßgebende jüdische Gesellschaft jener Tage mag, was sich bald zeigen soll, in einer Stunde festlicher Erinnerung nicht gar gelegen kommen. Denn er muß sich, wie hier die Dinge nun einmal liegen, auf der heiklen Grenze zwischen Wahrheit und Pietät bewegen, immer in Gefahr, die eine durch die Rücksicht auf die andere zu verletzen. Über manche Stellen kann man mit Takt hinweg. Aber wo das nicht möglich ist, wird uns eine falsche Sentimentalität nicht aufhalten dürfen, die Sache bei ihrem rechten Namen zu nennen. Wer anderer Meinung ist, vergißt, daß es sich hier in des Wortes höchstem Sinn um eine moralische Angelegenheit handelt. Hat er aber einmal zugegeben, daß ein Tempel eine moralische Anstalt bedeutet, dann wird auch er die Stunde des Gedächtnisses nicht besser, nicht lebensvoller nützen können, als sich die Gesinnung seiner Vorfahren wahrhaft zu vergegenwärtigen, um an dem Zustand von damals den Zustand von heute zu messen und aus solcher Erkenntnis sein Verhältnis zum Volke entweder richtigzustellen oder zu befestigen. Das meiste von der langwierigen Vorgeschichte des Tempelbaues ist schon jener Denkschrift zu entnehmen, welche am 12. Dezember 1825 in den Grundstein des neuen Hauses eingelegt wurde. Die von Sigmund Husserl gesammelten Akten aus dem Archiv der Kultusgemeinde ergänzen den Bericht um manches wissenswerte Detail. Auf Grund dieser Urkunden stellt sich der Hergang in seinen wichtigsten Etappen folgendermaßen dar. Von Max Eisler