Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 3 (März 1926)
- Article
- Die Wiener Juden 1826 - 1926
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 141 (sequence 8)
- Language
- German
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DIE WIENER JUDEN 1826—1926 141 Spekulation auf irgend eine Glanzpartie ihre Töchter vorsichtshalber in allen christlichen Bekenntnissen unterrichten ließen, wirkte — noblesse oblige — ansteckend. Nur daß bei dem Glaubenswechsel der jüdischen Jeunesse doree nicht gerade immer ein Thron der Preis war. Vielfach lockte auch Stern und goldener Kragen. „Das Wienertum des Vormärz," sagt Siegmund Mayer, „die weltberühmte Wiener Gemütlichkeit hatte sichtlich vielfach auf die Juden abgefärbt und angefangen, eine gewisse Gleichförmigkeit der Ansichten und Gewohnheiten zu schaffen." Wo durch familiären Verkehr mit anderen Kreisen, auch geistlichen Würdenträgern, der geistige Übergang längst vollzogen war, war der Übertritt zur herrschenden Kirche für den Juden, der keine Kenntnis des Judentums und darum keine Achtung vor seiner Lehre und historischen Größe besaß, nur mehr eine Formalie. Noch bildeten die Wiener Juden — obwohl sie eine Chewra Kaddischa (seit 1763), einen Tempel und eine Religionsschule besaßen — keine gesetzlich anerkannte Gemeinde. 1785 hatte die Behörde den Wiener Juden aufgetragen, ihr baufällig gewordenes Spital instand zu setzen. Dieses Gebäude gehörte aber der Familie Oppen- Ii e i m e r, und die Wiener Juden lehnten es ab, mit dieser rechtsverbindliche Abmachungen einzugehen, die eine korporative Haftung aller beinhalteten, wie sie nur in einer Gemeinde gegeben ist. So wurde ihnen denn 1792 notgedrungen gestattet, aus ihrer Mitte offizielle, vom Staate anerkannte Vertreter zu wählen. Die Beiträge, die jeder Wiener Jude zur Erhaltung des Spitales zahlen mußte, war die erste jüdische Gemeindesteuer in Wien. Von einer „israelitischen Gemeinde von Wien" war aber offiziell zum erstenmal die Rede in der Antwort Franz Josefs an die Abordnung, die ihm die Glückwünsche der Wiener Juden zu seiner Thronbesteigung überbrachte. Es sollte nicht der einzige Ausspruch bleiben, mit dem dieser Monarch im Laufe seiner langen Lebenszeit den Wiener Juden in kritischen Momenten Vertrauen und Mut gestärkt hat. Die Haltung der Regierung den Juden gegenüber schwankte jedoch jahrzehntelang. Wie die Revolution 1848, war es später Ungunst des Kriegsglückes (1859 und 1866), die Österreich zu einer günstigeren Gestaltung der Lage seiner Juden bestimmte, bis sie endlich 1867 im Staatsgrundgesetz verankert wurde. Viel hatten aber die Juden Wiens zu ihrer endgültigen bürgerlichen Gleichstellung selbst beigetragen. Unverdrossen hatten sie gegen eine reaktionäre Regierungspolitik auf der einen, Krämerneid und kon-