Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 3 (März 1926)
- Article
- Die Wiener Juden 1826 - 1926
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 139 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WIENER JUDEN 1826—1926 139 in der Industrie, spielten die Juden Wiens eine Rolle, die zu ihrer Anzahl, damals etwa 10.000 bis 12.000, das ist 2i/2% der Gesamtbevölkerung, in keinem Verhältnis stand. Die „Kaijuden" beherrschten den Textilhandel. Auch andere Zweige des Kommerzes, zum größeren Teil die landwirtschaftliche Produktion, waren von der Tätigkeit der Juden Wiens, namentlich in der Leopoldstadt, abhängig. Sie überwogen unter den k. k. privilegierten Großhändlern, jenen Häusern, die in den bürgerlichen Handelsstand nicht aufgenommen werden konnten oder wollten. Vor allem Salomon Freiherr von Rothschild, der Erbauer der ersten Eisenbahn Österreichs — von Wien nach Bochnia — und Geldquelle der Regierung in ihren unaufhörlichen Finanznöten, der jahrelang im Hotel wohnte, um nicht den Schikanen des allmächtigen Polizeidespoten Wiesenberger ausgesetzt zu sein. Daß von den 66 Tolerierten des Jahres 1787 im Jahre 1847 nur noch zehn in Wien wohnten, mußte der Regierung doch die Augen öffnen. Die Juden waren einer der wenigen wirtschaftlichen Aktivposten Österreichs. Gesellschaftlich hatten sich die Juden Wiens vollständig eingebürgert. In der Pflege von Kunst und Literatur stellten sie sogar das regsamste Element dar. Hatten nach dem Muster der französischen Salons Berliner Jüdinnen aus dem Kreise Moses Mendelssohns in Berlin gesellige Zirkel mit literarischem Einschlag gegründet, so begegnen wir einem Ableger dieser Kulturerscheinung in den gastfreien Häusern der aus Berlin nach Wien übersiedelten Fanny von Arnstein und ihrer Schwestern. Zu ihren Gästen zählten gekrönte Häupter und mächtige Diplomaten sowie alles, was durch geistiges Schaffen sich Klang und Namen erworben hatte. Eine besondere Note dieser Wiener Salons bildete ihr politischer Einfluß, den sie nicht zuletzt zugunsten einer gerechteren Behandlung der Juden Österreichs ausübten. Nicht zu unterschätzen ist auch die Entschiedenheit, mit der diese Juden der Judenhetze von der Bühne herab entgegenwirkten. Die Hochherzigkeit, mit der sie aufstrebende Talente förderten, das Zartgefühl, mit dem sie sich Notleidender annahmen, die echt patriotische Gesinnung, die sie bei jeder Gelegenheit bekundeten, ohne, wie andere, immer auf eine öffentliche Anerkennung rechnen zu dürfen, konnten ihren Eindruck auf eine vorurteilsfreie Umwelt nicht verfehlen sowie sie auch hie und da einen Widerhall in der zeitgenössischen Literatur fanden. Daß sie bei ihrem Bildungseifer zu den eifrigsten Bücherkäufern und Zeitungslesern gehörten, kann so wenig Wunder nehmen, wie daß sie selbst aus ihrer Mitte Zeitungsherausgeber und beachtenswerte Literaten hervorgebracht haben. Hiero-