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Menorah · 1926-02-01 · Heft 2 (Februar 1926) · p. Seite 107

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 2 (Februar 1926)
Article
Der Traumsiedler
Date
1926-02-01
Page
Seite 107 (sequence 3)
Language
German
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DER TRAUMSIEDLER 107 ,,Er war mein schönstes Kind/' Und sie weint. Nicht einmal ein Denkstein sei nach ihm geblieben, der seinen Namen der Zeit verkündete. ,,Es bleibt sich gleich", sage ich ihr, „wo unsere Toten liegen. Wir betreuen mit ihnen die Erde, die fremde Erde, damit sie sie befruchten. Die Hauptsache ist, daß wir die Lebendigen haben." ,,Das ist wahr," versetzt meine Frau, „aber . . ." Sie weint noch immer. Gleichviel", fahre ich fori, „ob ein Grabstein geblieben oder nicht. Wir sind das Denkmal. In uns prägte sich sein Name, sein Geburts- und Todestag, seine makellose Schönheit ein. Wir wurden besser durch ihn. Auch unsere Kinder sind besser, als — wenn er nie gelebt hätte." „Es ist wahr," antwortet ineine Frau, „aber. . ." Sie bedarf der Tränen. Noch immer so viel! Auch bei Nacht, wenn sie den Kopf auf dem Strohkissen ruhen läßt. Sie wäre allzu glücklich oder allzu unglücklich, wenn sie nicht weinen könnte. Wenn ich sie frage, dann bekomme ich immer zu hören: sie weine um Abel, der nicht geheilt werden konnte, weil wir in einer fremden Stadt wohnten, in der Seitengasse des Elends, fern von Menschen und fern vom Hause des Arztes. „Jetzt braucht man sich nicht zu fürchten," beschwichtigt sie die eigene Angst, „jetzt haben wir den Iljitschka." Und früh, wenn wir uns trennen, schaut sie mich an, denn sie hat sich noch immer nicht beruhigt. „Ich möchte hinüber zu Nachmen," sagt sie, „möchte sehen, wie es der Naomi geht." „Geh' nur, Beracha." Wie der Hirt seine Herde hütet, summe ich, und das Lied, das die Vermählten des Todes beklagt, ist zitternd wie der Ton der Flöte und krauslockig, wie das Köpfchen meines verstorbenen Kindes, Doppelt tödlich ist mir dieser Gesang und dennoch .. . mir tut es wohl, ihn zu singen. So gut ist es, mitten im strotzenden Leben des Todes zu gedenken. Ich gehe ihm nach. Ich werde meine Bäume noch dichtbelaubt und fruchlbeladen sehen, ehe ich mit ihm vereint sein werde. Ich weiß nicht, woher mir dieses Selbstbewußtsein kommt. Aber für mich fürchte ich weder Fluch, noch Gefahr, ich bin stark genug. Möge nur den Meinigen nichts geschehen. Ich fange an, unruhig zu sein, daß Iljitschka noch immer nicht zurück ist. Er ist schon eine gute Weile fort. Ich lasse meinen Blick

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