Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1926)
- Article
- Der Traumsiedler
- Date
- 1926-02-01
- Page
- Seite 106 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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106 MENORAH flattern energisch im frischen Morgenwind. Die Wundertasche auf der Schulter. Er grüßt von weitem leutselig und froh. „Schalom, Jischaj, schon bei der Arbeit?" „Ich bin erst jetzt aufgestanden," antworte ich, „du aber wohl noch früher. Steht es etwa schlecht um die Kleine?" „Ach woher," sagt er lächelnd, „ich habe viel auf meinem Feld zu tun und will rasch mit ihr fertig werden." Ich lasse meine Schaufel sinken und muß ihm nachschauen, während er sich eilig auf den Weg macht. Weiß Gott, dieser Iljitschka hat etwas Anziehendes an sich. Er kennt seine Pflicht. Das ist es, was ich besonders an ihm schätze. Unsere Urväter brachten Opfer dar, die späteren Generationen bestiegen selbst den Scheiterhaufen, die Mehrzahl bückt sich und betet. Seine Tat aber ist mehr: sie ist Opfer, Scheiterhaufen, Gebet und Zukunft. Ich liebe ihn über alles. Wie glücklich wäre ich, wenn dieser Mensch meinen Kindern Muster wäre, wenn ich selbst ihm schon nicht gleichen kann. Er lächelt immer so ganz seltsam. Sein Lächeln kommt gleichsam aus seiner mit Arzneien gefüllten Wundertasche; denn es ist auch ein Heilmittel. Es wirkt stundenlang nach. Ich denke jetzt weder an das Unglück, noch an den Fluch; wohl bin ich noch traurig, aber beruhigt. Schließlich ist die Gefahr überall dieselbe und der Todesengel lauert auf allen Wegen, wo der Mensch geht und seines Amtes waltet. Hier sind sie sogar noch schonungsvoller. Meine Kinder waren kein einzigesmal krank. Draußen fast immer! . . . Es dämmert vor mir das Bild meines erstgeborenen Sohnes, blond war er und lockig; aber — er blieb in der fremden Erde. Die Halsgicht raffte ihn dahin. Wir saßen nächtelang an seinem Bett... in der letzten Nacht war ich schon allein. Sein Gaumen war verbrannt vom Fieber, er verzerrte den kleinen Mund, nach Atem schnappend. Ich wußte nicht, daß er sterben werde, aber ich war mit Angst erfüllt. Ich summte ihm Lieder vor, bis zum Morgengrauen . . . „Ein Zicklein kaufte mein Vater, ein Zicklein . . ." und: „Wie der Hirt seine Herde hütet..." Warum gerade dieses Tempellied des Todes? Die Melodie ist hell und schlängelt sich in sanften Windungen wie die sonnigen Locken dieses prächtigen Kindes. Es beruhigte sich und auch ich wurde ruhiger. Dann schlummerte ich ein. Als ich meinen Kopf wieder erhob, betrachtete mich nur mehr das eine offengebliebene Auge.. . Er wollte es nicht schließen. Er war kaum zwei Jahre alt, hatte noch nichts von der Welt gesehen . .. Wie mich die Frau quälte: