Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1926)
- Article
- Der steinerne König
- Date
- 1926-02-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 MENORAH Nur Schlachten, Trompetenstöße, qualvolles, ewiges Reiten durch Hohlwege, glühendes Geröll, Blutdampf, dann brach es ab. Ein Gesicht schob sich vor alles, das Gesicht eines sitzenden Mannes im königlichen Prunkmantel. Zu Boden starrt er. Ein Schwert hält er zwischen den Knien. Die Stirn ist mit einem blutigen Tuch umwunden. Gebeugt ist er unter dem Druck eines ungreifbaren, schattenhaften, unabwendbar kommenden Unglücks. Und David muß Harfe spielen, wenn er auch schon so müd ist, immer wieder Harfe spielen, Tag und Nacht, in dem Zelt vor König Saul. Immer wieder muß der Knabe scheu die Augen heben, voll Mitleid hinblicken, zu dem starren finsteren Mann, der sich von Gott verstoßen weiß. König David stöhnte. Er bemühte sich, der Erinnerung zu entfliehen. Er strich sich über die Stirn. Mit weit offenen Augen betrachtete er die einzelnen Gegenstände im Zimmer, um sich zu besinnen, wo er wäre, wer er wäre. Er war der König, seit zwanzig Jahren König, König von Israel und Juda und Moab und Edom und Damaskus. König Saul war seit zwanzig Jahren tot, gefallen auf dem Felde Gilboa. Unbarmherzig prüfte David sein Gesicht im Spiegel. Jetzt wußte er, an wen ihn sein Gesicht erinnerte. Sein Gesicht glich dem Gesicht König Sauls. ,,Nicht wie Saul!" flüsterte er. ,,Nicht wie Saul!" Saul war zuletzt wie ein vom Blitz getroffener Mann gewesen, ausgehöhlt, nur mehr zusammengehalten von den Fasern des äußeren Holzes. Er, David, war noch nicht verkrustet, unfruchtbar wie Saul. Er durfte nicht an Saul denken. Er wollte an etwas anderes denken, an seine Jugend, als er durch den Wald ritt, kühl und klar wie ein Quell; als der Gott um ihn rauschte, wie Wind. Dann aber hielt er Hochzeit mit der Tochter Sauls. Sauls Tochter war schön. Wunderbar ihr samtbrauner nackter Leib, berauschend, wie sie die Arme steil nach ihm hob, in ihrem Begehren, ihn, der damals noch den Glanz Gottes und die Ferne um sich hatte, zu sich herunter zu ziehen. Berauschend war ihr dunkles, schimmerndes Haar, wie Meeresleuchten großer, glatter Sturmwogen in der Nacht, das Haar, das sie schwer über ihn warf, wenn er bei ihr lag, mit dem sie ihn zudeckte, um ihn tiefer zu verstricken in den duftenden, sündigen Fruchtgarten. Sauls Tochter lebte ja noch, wie man ihm unlängst berichtet hatte, sie war wohl jetzt eine Frau mit grauem Haar. Seit fünfzehn Jahren ließ er sie gut bewTachen in ihrem Kerker in der arabischen Wüste, nachdem sie dreimal Mörder nach ihm ausgesandt hatte.