Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1926)
- Article
- Der steinerne König
- Date
- 1926-02-01
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DER STEINERNE KÖNIG 99 holten sie Weiber. Gröhlend zogen die Berauschten durch das schlafende Jerusalem. Nach Mitternacht entließ König David den Baumeister. Als der Lärm der Betrunkenen von der Straße herauf schallte, zog er unwillig die dichten Vorhänge herunter. Jetzt war es still. In dem mit dicken Teppichen belegten Zimmer, das von den Flammen des Armleuchters matt erhellt war, ging der König ruhelos auf und ab, von der Wand zum Bett, vom Bett zur Wand. Er dachte an den Sohn. Plötzlich sah er ein fremdes Gesicht mit zusammengepreßten Lippen auf sich zukommen. Es war ein sonderbares Gesicht, das er vor langer Zeit einmal gesehen haben mußte. Wann war das gewesen? Wo war das gewesen? Das Gesicht war nicht alt, nicht jung, es war, wie aus grauem Fels, traurig, zeitlos, es ähnelte den Götterreliefs in den Nordgebirgen, denjenigen, die schon verwittert und zergraben waren, denen Regen und Sturm den glänzenden Lack und das Gold abgewaschen hatten. Erst allmählich begrifY der König, daß er sein eigenes Spiegelbild betrachtete. Es quälte ihn, daß er ohne Schminke war. Er sehnte sich nach den geübten, kräftigen Händen des Sklaven, der die wohltätig deckende Schminke, den bergenden, schmiegsamen Teig über das entblößte Gesicht breiten würde. So also sah sein Gesicht aus, nackt, ohne königliche Maske. Er hatte heute erprobt, daß er sie nicht mehr tragen brauchte. Die weiche, plastische Masse wTar erhärtet, hatte die königliche Schrift nach innen geprägt, wie seinen Namenszug in die gebrannten Ziegel. Fröstelnd tastete David über Stirn, Schläfe, Wange, Kinn, als ob er etwas Vergangenes, Verlorenes suchen wollte. Das Gesicht seiner Jugend. Er hatte doch eine Jugend gehabt. Jeder Mensch hatte doch eine Jugend gehabt. Er mußte doch hindringen können, er mußte doch wenigstens in Gedanken die Zeit ungeschehen machen können, die ihn versteinert hatte. Er mußte sich doch noch vorstellen können, wie sich sein Knabengesicht im Wasser gespiegelt hatte, wenn er sich über den Bach gebeugt hatte, um nach den Fischen zu haschen. War es denn möglich, daß kein Zug aus diesem starren Gesicht Innüberführte zum Gesicht seiner Jugend! Die ganze Nacht saß der König vor dem Spiegel und schaute, schaute nach innen. Er bemühte sich, in seinen Gedanken in der Zeit zurückzuschreiten, bis in seine Jugend. Er versuchte sich den vergangenen Tag vorzustellen, den gestrigen Tag, die letzte Woche, das letzte Jahr, die zwanzig Jahre, die er königlich herrschte. Er drang nicht durch.