Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1926)
- Article
- Der steinerne König
- Date
- 1926-02-01
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912856-2916925--02795-2917037- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DER STEINERNE KÖNIG 101 Mit dem Weib aus dem finsteren Geschlechte Sauls hatten die bösen Dämonen Macht über ihn gewonnen, sie und die anderen Frauen, die heißen, geschmeidigen Katzenleiber. Er hatte gar nicht gemerkt, wie tief er verflochten war in Trieb und Trunkenheit. Als er heraufstieg aus dem Abgrund der Brunst, ekelte ihn wie vor einer Frucht, die im Munde faulte. Er fror. Und kein Glanz Gottes war mehr um ihn und er mußte sich statt dessen schminken lassen, all die Jahre hindurch, und ließ die fremden Völker vor sich knien und opfern, all die Jahre hindurch und ließ sich seitdem anbeten, wie Gott selbst. Dann schwoll die trübe Freude prasselnd empor. Manchmal bat er noch lautlos einen Menschen: „Seele, liebe mich!" Aber zu lang war er wie eine scharf geschliffene Axt gewesen, nicht die Axt eines Scharfrichters, die Axt eines Zimmermanns, der ein Haus baut, ein mächtiges Reich. Schneidend fuhr sie durchs Bauholz, wenn sie Morsches ausschnitt. Die Axt schimmerte prächtig, die Menschen beugten sich bewundernd vor ihr; sie zitterten im eisigen Wind, wenn sie niedersauste, aber sie liebten sie nicht. Der König schlug an seine Brust und fühlte es darin ersterben. Nichts Sprießendes, Sprossendes war mehr in ihm, nichts von der warmen Helligkeit der Gottnähe in früheren Jahren, nichts, was den Durstenden einbettete, feucht einwurzelte in Erde und Himmel, in die Quellen des Lebens. Er war nur mehr ein Götterbild in einem leeren Raum. Er hatte keinen Gott. Er hatte keinen Freund. Er liebte niemanden. Niemand liebte ihn. Der König fing zu beten an, lautlos, inbrünstig, wie seit Jahren nicht. Er wollte beten, wie er als Knabe gebetet hatte, als er voll Vertrauen gewesen war, daß Gott sich ihm nähern würde. Gott war unendlich fern, so fern, als ob es gar keinen Gott gäbe. Er betete weiter, mit Worten, lauten Worten, er berauschte sich an seiner Stimme, wie in den prunkvollen Hymnen, wenn er auf der Tempelstätte vor allem Volk sang und hundert Priester dazu Harfe schlagen mußten. Er wußte doch, daß sein Ruf nicht zu Gott empordrang, daß sein Geschrei nur Lufterschütterung war. Er schrie: ,.Herr, du bist bei mir. Ich siege doch, ich siege. Das Reich, dein Reich ist groß wie nie, von der Küste des Roten Meeres bis zum Euphrat und Tigris. Du bist bei mir, wie du immer bei mir warst. Saul hast du verstoßen, aber nicht mich!" Während er schrie und sang, kamen ihm seine tönenden Worte töricht vor, wie aufgebauschte Lärmreden eines Marktschreiers.