Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1926)
- Article
- Der Abschied des jungen Börne von Berlin
- Date
- 1926-02-01
- Page
- Seite 91 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DER ABSCHIED DES JUNGEN BÖRNE VON BERLIN 91 schimpften. Dann schämte er sich bis tief in sein innerstes, heißes Jungenherz hinein, das nach Zärtlichkeit dürstete, nach innig vertrauendem, gläubigem Beisammensein und das scharf und kritisch zusammenzuckte, wo es so gänzlich leer ausging. Oh, wie hatte er dies hier gefunden! Wie hatte ihn hier alles gleich so wohl berührt! Der Kamin und die Bücherschränke, ja, selbst Kissen und Fußbank atmeten Geist, atmeten Bildung und Schönheitssinn. Wie ehrwürdig, wie väterlich sorgend war ihm der Professor begegnet, welch geistvolle Stunden widmete ihm sein Lehrer Bendavid, der gar nicht so hochmütig war, wie er anfangs gedacht, wie munter und witzig war Brenna-Rafaele (sie malte nicht übel, darum hieß er sie so) — und die Hof rätin selbst — Henriette — Jette! Noch einmal will er sie so nennen. Eine dunkle Woge der Zärtlichkeit rauscht auf in ihm, wie gebettet ist er in den Strom dieses einzigen Gefühls, sein ganzes Sein ist Strömen, er möchte sein Leben, sein Ich, all seine Fähigkeiten, Hoffnungen und Kräfte zusammendrängen, wie in ein Amulett, und es ihr darreichen, wie man am Altar sich selbst zum Opfer bringt, wie er stets den Saum ihres Kleides zu küssen sich tief und demütig gesehnt hat. Er biegt den Kopf in den Nacken, in seinem mageren, blassen Gesicht malt sich angespannte Qual, ein dunkler Strom saust ihm vor dem Antlitz vorüber — erst schwarz, dann feurig, flammend — er taumelt, hält sich am Wagenschlag. Der Kutscher tritt, die Bewegung mißdeutend, an ihn heran, mahnt zur Fahrt. Doch der Student wehrt matt. Und er zieht einen Brief aus einer der tiefen Manteltaschen hervor, prüft sorgsam Wachs und Siegel und übergibt ihn dem Kutscher: er möchte doch noch rasch um die Ecke laufen, zu Apotheker Lezius in die Königsstraße, dort sei eine Schuld zu begleichen. Und indes er dies sagt, steigt ihm tiefe, dunkle Röte in sein blasses Gesicht. Hat er's doch nicht bekommen, worum er so oft den Magister gebeten, seine verzweifelte Zuflucht — Arsenik. Nur Arzneien, schmähliche Pillen und Tränke für diesen ärmlichen Leib, die hat der Magister geliefert. Oh, wie er ihn haßt, wTie er sich selber haßt! Nur fort, hinweg, so schnell als möglich! Doch noch kann er sich nicht trennen. Noch einmal, einmal nochr fühlt er all die Qüal und all die Wonnen, die er in diesem Hause erlitten. Wie hatte Henriette doch gesagt? „Nach vielen Jahren, mein guter Louis, wollen wir von der heutigen Zeit sprechen." Ha, wie ein Kind ihn zu behandeln, wie ein unreifes Kind! Mit einer einzigen ihrer gleichmütig-stillen Gesten abzutun, was ihn so tief durchwühlt, so wild durchschüttert!