Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1926)
- Article
- Der Abschied des jungen Börne von Berlin
- Date
- 1926-02-01
- Page
- Seite 92 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912856-2916921--02780-2917028- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
92 MENORAH „Nach vielen Jahren, mein guter Louis. . ." Wie ein Kind! Und ist er es denn nicht? Ja, wohl ist er dessen sich bewußt, in dieser herben Abschiedsstunde klar bewußt — ein breiter Strom der Zeit fließt zwischen ihm und seiner Liebe, er steht traurig am Ufer, nirgends ein Kahn, ihn hinüberzurudern . . . Und wenn er selbst einen fände, was wäre er denn — ein blinder SchifTer auf reißendem Strom — ein liebendes Kind ... „Nach vielen Jahren, mein guter Louis." Sehr wohl, Frau Professorin, Sie haben recht, es wird vergehen. Sie können meine Liebe zu nichts gebrauchen, sagen Sie mir, ich danke Ihnen für dieses Wort, es hat mich nüchtern gemacht, klug, um hundert Jahre klüger. Ich will fort — ganz fort — Sie nicht mehr sehen, obwohl ich ja so leicht zu Ihnen hinausfahren könnte nach Charlottenburg, wohin Sie mich eingeladen — zum Henkersmahl. „Nach vielen Jahren .. Ganz recht, ich werde genesen, nach vielen Jahren. Verstehen Sie auch, was das heißt? Welch eine Genesung! Welch selbstmörderisch furchtbares Beginnen ist dies — oh, erschrecken Sie nicht, nicht mehr an Vergiftung denkt der gute Louis, wie ehemals, vor all den langen, furchtbaren Wochen, da er dem Wahnsinn so nahe war — das ist vorüber, vorbei. Verstehen Sie mich, verstehen Sie den Tod, in welchen Sie mich schicken? Es wird vergehen, so meinten Sie, die Zeit wird meine Gesinnung ändern. Ist dies so wünschenswert — wahrhaftig — so wird es kommen — von selber kommen — mit der Zeit und mit der Verderbnis meines Herzens . . . Ein bitteres Lächeln zuckt ihm um den vollen Mund, verzerrt dessen Weiche für die Dauer eines Herzschlages — verfliegt. Aber eine Spur tiefer, wie verächtlich, sind die Mundwinkel eingekerbt und ein starrer Glanz inbrünstiger Entsagung brennt in seinen Augen. Hastig klettert der Student in den Wagen, ruft den Kutscher herbei. Der schnalzt noch einmal mit der langen Peitsche, hinterhältig schmunzelnd, hin nach den gaffenden Mägden, die schreckhaft schreiend davon stieben, und fort rollt die schwere Kutsche, holpernd und knarrend, mit der leichten, geduckten Gestalt im Wagenfonds, dem schwächlichen Knaben, aus dessen magerem Jungengesicht zwei große dunkle Augen tiefsinnig-wissend, sehnsüchtig-schmerzlich hervorgeistern. Fort fährt die Kutsche, biegt um die Ecke zur Königsstraße, rollt diese entlang und biegt wieder um, dem Stadttore zu, ächzend und knarrend, wie unter schwerer Last. Irgendwie schien sie doch von Gewicht zu sein, diese leichte Fuhr. ..