Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1926)
- Article
- Der Abschied des jungen Börne von Berlin
- Date
- 1926-02-01
- Page
- Seite 90 (sequence 2)
- Language
- German
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90 MENORAH Aber wie denn? Ist sie denn nicht erst vor wenigen Tagen mit ihrer Schwester, der Demoiselle Brenna, nach Charlottenburg in die Sommerfrische gezogen? Wer sollte nun. . . Ah, siehe da! Die Kutsche ist leer. Nur der Kutscher klettert von seinem hohen Bock herunter und klopft mit dem schön gearbeiteten, eisernen Widderkopf an das geschwärzte, hölzerne Tor. Dieses öffnet sich und läßt ihn ein. Und dann tritt aus der dunklen Einfahrt — gefolgt von dem Kutscher, der einen Koffer schleppt — ein schmächtiges, bleichwangiges Bürschlein hervor, das kaum 17 Jahre auf den schmalen, etwas abfallenden Schultern tragen mag, indes aus dem mageren Jungengesicht zwei dunkle Augen groß, tiefsinnig und wissend hervorgeistern. Ei, der Herr Studiosus reist ab, man denke nur, der junge Herr Louis Baruch aus Frankfurt, dessen Vater, wie man hört, der Hofrätin fünfhundert gute Rheintaler Pension gezahlt! Wird ihr auch nicht leicht ankommen, der Herzin, ihn jetzt fortzulassen. Es soll ihr ja nicht zum besten gehen mit der Witwenpension. Ja — immer bleibt die Herrlichkeit eben doch nicht bestehen! Wunders genug, daß sie ihn so lange behalten — ein halbes Jahr allein mit ihm und der Demoiselle Brenna gehaust — daß dies die alte Doktorin nur zugegeben hat! Denn schön ist sie noch, die Herzin mit ihren achtunddreißig -— das muß ihr der Neid lassen, groß und schlank mit samtenen Augen und einem Lächeln — das kann solch jungen Menschen schon den Verstand kosten! Freilich — dies Bürschlein! Der — und die Herzin! Nein, da kräuselten die Berlinerinnen nur verächtlich die Lippen und verziehen der guten Hofrätin gern, daß sie ein halbes Jahr nach ihres Mannes Tod den Pensionär im Hause behalten. Reputierlich war es ja nun nicht, aber freilich, solch Schlappschwänzchen! Der so verächtlich Bezeichnete stand indessen, nachdem auch der letzte Koffer auf den Wagen gehoben und ordentlich verstaut war, noch immer, wie zögernd, neben dem Kutschenschlag, als könne er sich nicht entschließen, Ernst zu machen. Immer wieder umfing sein Blick das teure Haus, in dem er acht kurze Monate daheim gewesen war -— wirklich daheim, nicht in der Fremde wie in Gießen, und wie er es nun bald wieder sein würde, in Halle bei Professor Reil. Wie schwer gewöhnte er sich doch! Wie litt sein empfindlicher Sinn an jeder Äußerlichkeit, an ordinären Meubles wie an geschmackloser Kleidung der Hausfrau. Mehr aber als unter allem anderen litt er, wenn in der Familie, mit der er leben sollte, ein niederer Umgangston herrschte, wenn die Menschen rauh zueinander waren, einander anschrien, be-