Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1926)
- Article
- Der Abschied des jungen Börne von Berlin
- Date
- 1926-02-01
- Page
- Seite 89 (sequence 1)
- Language
- German
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Der Abschied des jungen Börne von Berlin Von Martha Hof mann Schwer holperte die große, gelbe Kutsche um die Ecke der Neuen Friedrichstraße, die verschlafen dalag in der trägen Mittagsschwüle. So still schien es hier, so friedlich abseits der jungen Regsamkeit Berlins, daß die Einwohner, wie aus dem Schlummer erschreckt, jäh emporfuhren, so oft eine schwere, knarrende Kutsche die Gasse durchquerte. Und so war es auch damals, an jenem schwülen Julitage anno 1803. Die Nachbarinnen stürzten ans Fenster und blinzelten unter den breiten Schuten und Hauben erstaunt in das grelle Mittagslicht, geplagt von Neugier, wer da wohl angefahren käme mit der noblen „Gelegenheit"? Und nun hielt diese ja schon, hielt — wie konnte es auch anders sein! — vor dem hochgiebeligen Wohnhause der Hofrätin Herz und nun würde wohl einer jener vornehmen und gelehrten Herren aus der Kutsche klettern, wie sie hier aus- und einzugehen pflegten. Ehemals wenigstens, zu Zeiten des seligen Hofrates war es so, des berühmten jüdischen Arztes und Philosophen Dr. Markus Herz, bei dem die höchsten Herrschaften den Cursus gehört und im Hause verkehrt hatten. Ja, da war es oft heiß zugegangen in dem stillen Hause in der Neuen Friedrichstraße, besonders wenn der Doktor Schleyermacher dabei war, der die Freigeister bekehrte und der stadtbekannt war als Prediger wie als Freund der schönen Hofrätin. Man erzählte sich da allerlei Geschichten in der Gasse — nichts gegen die Herzin, Gott bewahre, die hielt auf ihre Reputation! — nur daß es zwei richtige Parteien gegeben, den Professor auf der einen Seite, der es mit dem alten Mendelssohn hielt und mit ihm der superkluge gelehrte B e 11 d a v i d, der auf den Königsberger Philosophen schwor. Oh, der Professor hielt große Stücke auf ihn, mußte ja auch der junge Pensionär, Herr Baruch, bei Bendavid Lektionen nehmen. Zu der anderen Seite, der Jugend, hielt sich die schöne Hofrätin, Henriette, und nahm gläubigen Sinnes auf, was ihre Freundin sagte, Mendelssohns Tochter, die lebhafte Veit, und der beredte Seelenfänger, der Schleyermacher. Ob sie sich jetzt wohl taufen läßt von ihm, da der Hofrat tot ist? Nun, das wohl nicht, zumindest nicht, solange ihre Mutter lebt, die alte Doktorin de Lemos. Vielleicht ist es gar Schleyermacher selbst, der sie heute besuchen kommt, oder — am Ende gar — der preußische Minister Graf Dohna-Schlobitten, der sich um ihre Hand bewirbt, wie man munkelt... Ja, sie versteht's, die Herz! Stolz wie eine Königin, dabei immer sanft — so beherrscht sie alle.