Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1926)
- Article
- Unsere Mutter
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 61 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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UNSERE MUTTER 61 mit der kräftigen Hand umspannend, hätte ihn niemand von einem alten Germanen unterscheiden können. Merkwürdigerweise war seine Ehegesponsin genau so groß und stark wie er, eine brave, wackere Frau mit einem goldenen Herzen. Unzählige Male war sie bei uns, wenn Mutter ein kleines Kind hatte, immer sah sie zum Rechten. So erinnere ich mich, wie sie meiner Mutter in der Wohnung einer Bekannten, die an die ,,Schul" stieß, ein Kissen hinter den Rücken steckte und einen Fußschemel herbeiholte, wenn das Dienstmädchen den Säugling brachte, den Mutter damals an der Brust hatte. Auch sie hatte eine überlaute Stimme, und wenn die jüngeren Frauen in ,,Schul*' — es hatte sich wie von selbst so gemacht, daß sie das Regiment in der Weiberschur übernahm — in einer Pause oder auch während der Andacht im Erzählen ihrer spärlichen Freuden und zahlreichen Kümmernisse etwas zu lebhaft wurden, so kam aus der ersten Bank ein donnerndes ,,Schah!*4 (Still), daß alles erbebte und Mäuschenstille eintrat. Uns Kinder hatte das ältere Ehepaar, das allein lebte, ganz besonders ins Herz geschlossen. Erstens weil sie unsere Eltern sehr gern hatten, dann weil wir so brav das Gebetbuch von Anfang bis zu Ende übersetzen konnten, schließlich, was ich damals wirklich nicht wußte, weil wir hübsche, gescheite Kinder waren. Oft durften wir in die altertümlich eingerichtete Wohnung gehen, wo wir eingemachte Früchte, Hamanstaschen und sonstiges Backwerk, wie auch Mandeln und Rosinen erhielten. Ich sehe das etwas düstere, sehr umfangreiche Biedermeierzimmer mit den schönen alten Möbeln und dem bequemeren ,,Tritt" am Fenster deutlich vor mir. Wir gingen gern hin, nicht nur, weil diese guten Menschen unsern harmlosen Kinderherzen sympathisch waren, ein eigener, geheimnisvoller Reiz zog uns mächtig an. Das Ehepaar hatte einen einzigen Sohn — in China! Man denke, in China! Was das in unserer kleinen Stadt vor fünfzig Jahren bedeutete! Dieser Sohn schickte seinen Eltern manche Merkwürdigkeiten aus dem märchenhaften Lande. Ein Mann aus Porzellan saß da, lebensgroß, der schüttelte beständig seinen komisch-ernsten Kopf, so daß der Zopf sich auch regelmäßig hin- und herbewegte. Und eine welsche Nuß lag in dem ,,Glasschrank** — die konnte man aufmachen, daß sie sich in zwei gleiche Hälften teilte, und darin lag etwas Schimmerndes, Duftiges. Das entfaltete Frau Liebermann behutsam mit ihren großen, dicken Fingern, und siehe da! Ein Gewand aus feinem Seidengespinst bot sich unsern ehrfürchtigen Blicken. So oft wir auch dieses Wunder zu Gesicht bekamen, nie versagte es seine Wirkung: wir spannen die abenteuerlichsten Geschichten um das Ehepaar mit seinem chinesischen Sohn. Übrigens kehrte dieser Sohn nach vielen, vielen Jahren wirklich nach Hause zurück und brachte eine hübsche blonde Tochter — keine Chinesin — mit, die dann einen Ingenieur heiratete. Ihren Vater kannte ich nicht, aber der jungen Ingenieursfrau brachte ich einmal Grüße von ihrer Großmutter. Die Alten sind natürlich längst tot — es gab mir einen Stich ins Herz, als ich es erfuhr — aber ihre Enkel und Urenkel leben noch. Erst in ganz späten Jahren, als Frau Liebermann längst nicht mehr das Szepter in der ,,Weiberschul** schwang, als einige befreundete Familien aus B. fortgezogen waren, Vater bereits unterm Rasen schlief und Mutter sich nicht überwunden hätte, allein hinzugehen, nahm sie sich einen Sitz im Tempel. Und dort war sie an allen hohen Feierlagen zu finden, wie zu Vaters Lebzeiten in ,,Schul*'; mit dem gleichen Ernste, der gleichen Treue verrichtete sie ihre Andacht. Sie war im Grunde trotz ihres scharfen, klaren, kritischen Verstandes ein gläubig Gemüt. Nie, auch nicht im allerletzten Jahre ihres Lebens, verabsäumte sie es, am Jörn Kippur zu fasten, immer kam sie uns hinter unsere Schliche, wenn wir die Zeiger der Uhr vorrückten oder einen Bekannten bei ihr vorsprechen ließen mit der Versicherung, er käme eben aus dem Tempel, es sei schon aus. Sie mußte schon sehr unwohl und schwach sein, wenn sie nicht den ganzen Tag dort ausharrte. Zuweilen war sie um diese Zeit bei uns in Wien, da gingen wir gewöhnlich mit ihr — je nach der Lage unserer Wohnung — auf die Hohe Warte in die Blindenanstalt oder nach Pötzleinsdorf in ein Privat-,,Minjan*'. Immer kam sie in erhobener Stimmung, getröstet, von neuem, frischem Mut beseelt, zurück. Wir konnten sie absolut nicht davon ab-