Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1926)
- Article
- Unsere Mutter
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 1)
- Language
- German
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'J* >4 ZS 13 tW £t JU T Unsere Mutter Von A. K. (9. Fortsetzung.) 9. Kapitel MUTTER ALS JÜDISCHE FRAU Mutter führte natürlich streng rituelles Haus. Das war bei der großen Frömmigkeit Vaters, der auch die allerunbedeutendste religiöse Vorschrift nicht außer acht gelassen wünschte, keine Kleinigkeit. Sie betrachtete es als ihre Pflicht, sich in diesem Punkte ganz den Wünschen ihres Gatten unterzuordnen. Es wurde am Freitag — auch im Sommer — für den Samstag gekocht; das gab in der arbeitsreichen Wirtschaft an diesem Tage nicht wenig zu tun. Mutter vereinfachte das Menü infolgedessen am Freitag stets, indem wir zu Mittag anstatt der Mehlspeise einen simplen gedünsteten Reis mit Zucker und Zimt erhielten. Abends gab es gewöhnlich Paprikahuhn mit Nockerln. So unfehlbar kam stets am Freitag der Reis zu Tisch, daß er etwas Unentrinnbares in unseren Gemütern hatte. Und als ich selber Haus führte — nicht rituell, Gott sei's geklagt — da fiel mir am Freitag, obwohl ich doch durchaus keine Mehrarbeit zu leisten hatte, nie etwas anderes ein als gedünsteter Reis. Und so sehr wurde mir das zur Gewohnheit, daß ich erstaunt aufblickte, als mich mein Mann einmal fragte: ,,Sag' einmal, liebe Frau, warum haben wir gerade immer arn Freitag gedünsteten Reis? Nicht daß ich etwas dagegen einzuwenden hätte, im Gegenteil, du weißt ja, ich liebe Reis in jeder Form, aber die Regelmäßigkeit ist mir aufgefallen." Da erzählte ich ihm die Genesis dieses unvermeidlichen Ganges, und wir lachten — nur daß ich dabei heimlich eine Träne zerdrückte. Aber das Kochen am Freitag war nicht die einzige Schwierigkeit, die Mutter spielend und freudig besiegte, sie tat auch sonst alles, was einer frommen jüdischen Frau Pflicht war. Sie benschte am Freitag abend Licht, sie warf jedesmal ein Stückchen von dem herrlichen weißen Barchesteig — dieses Opferstückchen hieß Challe — ins Feuer, ohne daß Vater sie dabei kontrolliert hätte, sie ließ die Kinder am Jörn Kippur von ihrem zwölften Jahre ab den ganzen Tag fasten, sie unterwies sie im ,,Kapore schlagen**, sie sah strenge darauf, daß die Buben jeden Tag ,,Tephillen legten**, beachtete die flehenden Blicke der armen Jungen nicht, die am Jörn Kippur und Rosch Haschanah den ganzen Tag mit Vater in „Schul** sitzen und beten mußten. Trotz der Grundverschiedenheit ihrer Naturen ließ Mutter dem Vater volle Gerechtigkeit widerfahren. Sie litt schwer darunter, daß die beiden ältesten Kinder, noch bevor sie im schulpflichtigen Alter waren, ihrer mütterlichen Obhut entzogen wurden, aus dem Vaterhaus fort mußten. Aber sie fügte sich. An ,,Simchath Thora** pflegten wir Kinder gern in Schul*' zu gehen, denn da gab es Leckerbissen aller Art für uns: delikates Backwerk, Mandeln und Rosinen wurden verteilt und unter Lachen und Scherzen verzehrt. Eines mußten wir dabei immer in Kauf nehmen: der alte Liebermann, auch ein ,,Gabbe*\ zwickte uns Kinder — aber nur die hübschen, aus den andern machte er sich nichts — stets dabei in die Backen. Eine merkwürdige Gestalt, dieser alte Liebermann. Hünenhaft, - bärtig, mit schallender Stimme, einem guten Tropfen nicht abhold, aber selbstverständlich, ohne des Guten je zu viel zu tun, so erscheint er vor meinem geistigen Auge. Mit einem zottigen Fell um die Lenden, den Metkrug