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Menorah · 1926-01-01 · Heft 1 (Januar 1926) · p. Seite 62

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 1 (Januar 1926)
Article
Unsere Mutter
Date
1926-01-01
Page
Seite 62 (sequence 3)
Language
German
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62 MENORAH halten, das Gotteshaus zu besuchen, so lange ihre Füße sie trugen. „Diesen Tag will ich mit Gott allein sein", sagte sie, wenn wir den Versuch machten, sie fortzuholen, oder wenn man sie sonst in ihrer Andacht störte, ,,da hab' ich eine ernste, offene Aussprache mit ihm, da wird mir erst alles bewußt, was ich hätte tun und was ich hätte lassen sollen, da geh' ich mit mir selber zu Gericht, und immer finde ich schließlich Beruhigung und Trost.*' Diese Frau tat mehr, um ihren Gatten zufriedenzustellen, als ein rituelles Haus führen, an hohen Festtagen die Synagoge besuchen, an Jörn Kippur als Stillende zu fasten. Ein alter Brauch, der wohl nur in den allerfrommsten Gemeinden noch geübt wird, verlangt, daß in den Bußtagen, vor Rosch Haschanah, die Gläubigen vor Tagesanbruch sich von ihrem Lager erheben und im Gotteshaus die Bußpsalmen beten. Nun war Mutter länger als zwanzig Jahre entweder eine Wöchnerin oder im Begriff eine zu werden. Ich habe erwähnt, daß sie das Kleinste stets bei sich hatte und in der Nacht selbst versorgte; es avancierte immer erst in die Kinderstube, wenn ein neuer Säugling eingerückt war. Es ist also nicht übertrieben, zu sagen, daß sie zwanzig Jahre nicht wußte, was es hieß, eine Nacht durchschlafen. Es wird sich wohl keines von uns erinnern, sie jemals aus diesem Grunde übellaunig oder verdrossen gesehen zu haben, nie kam ein Wort der Klage über eine schlechtverbrachte Nacht aus ihrem Munde. Und diese Frau, deren Gatte sicher nicht darauf bestanden hätte, daß sie mit ihm zu „Sliches" ging, stand alljährlich vor Neujahr eine ganze Woche lang um zwei oder halb drei Uhr auf und kehrte um sechs frisch und froh zu ihrem schweren Tagwerk zurück. So tat sie immer voll und ganz ihre Pflicht. Einmal erzählte sie uns so hübsch, wie es sie freue, auf dem Heimweg das erwachende Leben zu sehen, Kinderstimmen und Gemurmel aus Höfen und Kellern zu hören, einen Blick zu tun in das kleine, beschränkte Dasein eines Arbeiters — ,,das ist viel interessanter als das spannendste Buch", schloß sie — so daß wir großen Mädchen auch Lust bekamen, einmal mitzugehen; aber davon wollte sie nichts hören. Am liebsten war sie nach Vaters Tode an den hohen Feiertagen allein. So schrieb sie einmal an Rosa: Liebe Rosa! Du wirst am Ende besorgt sein; dazu ist aber gar kein Grund vorhanden; mir ist nur mieß! Aus Paris keine Nachrichten, Wetter und Geschäft unter aller Kritik — sonst geht's gut. Komm', so Gott will, nächsten Sonntag mit Max her, aber ja nicht früher, liebe Rosa, vor allem nicht etwa über Jörn Kippur. Du weißt, daß ich an diesem Tage den Tempel nicht verlasse, da wäre es mir sehr unangenehm, Euch allein zu Hause zu wissen. Erinnere Dich, Roserle, wie Du gesagt hast: ,,Einer Mutter muß man folgen!" Also auf Wiedersehen am Sonntag! Mit herzlichen Grüßen an Euch beide Deine treue Mutter Klara. 10. Kapitel EIN EIGEN HAUS Du liebes, trauliches Haus in der Pechringstraße — ich grüße dich! Achtlos gleitet der Blick des Fremden von dir ab, so unscheinbar, fast armselig stehst du da, aber ich weiß, wieviel Glück und Frohsinn du einst in deinem Innern bargst. Heute noch erbebt mein Herz in Heimweh, wenn ich dein gedenke; fröhliche Kinderstimmen dringen an mein Ohr, Lachen und Scherzen. Da drinnen lernt' ich die Liebe kennen, die mein ganzes Leben so unsäglich glücklich gestaltet hat, da drinnen waltetest du, geliebte Mutter! Kein sklavisches Ducken unter ein auferlegtes Joch war dein Schalten und Walten in diesem Hause, sondern ein freudiges Aufgehen in der Sorge um andere, ein Dienen im Namen der Liebe. (Forts, s. 64.) Keine lotpreise, Kann 8 Fried Wien, V I., Linke Wienzeile 40 (im Hofe)

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