Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1926)
- Article
- Die Sünderin
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE SÜNDERIN 55 sitzen!" Baalschem erhob seine Augen und schaute lange in die Ferne. Auf einmal befahl er laut: „Alexej soll sogleich einspannen!" Im Augenblick sprach man das Tischgebet, darauf das Abendgebet und als dann bei Weinbecher und Kerze das Heilige vom Alltag, das Licht von der Finsternis und der Sabbath von den sechs Werktagen geschieden ward, fuhr Baalschem mit seinem Zweigespann und seinem treuen Alexej zum Erstaunen aller davon. In einem Städtchen Podoliens lebte eine chassidische Familie ihr einfaches, aber gesundes Leben. Gott segnete ihrer Hände Fleiß und sie gelangten zu einem mäßigen Wohlstande, zu Ehre und Ansehen. Von Zeit zu Zeit pflegten sie zum Baalschem zu fahren, brachten das Gute, das sie im Kreise des Chassidim gesehen und gelernt hatten, mit nach Hause und pflanzten es ihrem Heim als ihr Eigentum ein. So wuchs das Haus und wurde, wie viele der chassidischen Häuser, zur Stätte edlen und frommen Judentums. Thorastudium. Frömmigkeit und aufopfernde Wohltätigkeit wurde dem Hause Sitte und Gebot. Da trug es sich zu, daß eine Tochter des Hauses frühzeitig ihres Mannes beraubt wurde. Sie war jung und schön und besaß der Lebensfrische nicht zu wenig, um dem Leben entsagen zu wollen, und, da sie nicht bald wieder einem Manne zugeführt wurde, fanden fremde Männer Einlaß in ihre Wohnung. Dieses Leben fiel in der Kleinstadt bald auf und wurde zum Gegenstand üblen Geredes. Tief getroffen kamen der Vater und die Brüder zu Baalschem und klagten ob der Schmach der Sünderin, die das Haus beflecke. Baalschem ließ sie zu sich rufen und nahm ihr das Versprechen ab, ihr Leben zu ändern. Kurze Zeit jedoch — und die lustige Witwe erneuerte ihr früheres Leben. Abermals lud sie Baalschem vor und nahm ihr das Wort ab, aber wieder verfiel die Sünderin in ihre gewohnte Lebensweise. Die in ihrer Ehre tief gekränkten Brüder sannen auf das Äußerste. Sie waren entschlossen, sogar selbst ihre Hand gegen die Schwester zu erheben, um die sittliche Reinheit der Familie wieder herzustellen. Aber Baalschem hielt sie zurück, indem er ihnen die Hoffnung auf Bekehrung in Aussicht stellte. Als jedoch seine Mahnung zum dritten Male fruchtlos geblieben war, da entzog Baalschem der Sünderin seinen Schutz und Beistand.