Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1926)
- Article
- Die Sünderin
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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56 MENORAH lVlitternacht war es im freien Walde. Da wurde ein Seil an einen Baumstamm befestigt, die gefesselte Frau ward aus einem Heuwagen gehoben und die Schlinge um ihren Hals geworfen. Nur wenige Sekunden noch und es wäre um sie geschehen. Aber in demselben Augenblicke erdröhnte eine bekannte Stimme: „Haltet ein!!" Baalschem erschien. Bestürzt warfen sich die Brüder zu Füßen des Rabbi. Wie? Sie sollten die Schande in ihr Haus mit eigenen Händen zurückbringen? Baalschem aber beharrte auf sein Wort und sprach: „Lasset sie leben! Ich versichere Euch, sie wird Buße tun." — Und die Sünderin ward gerettet. V iele Jahre vergingen und Baalschem setzte seine unzähligen geheimnisvollen und unergründlichen Fahrten mit seinem Zweigespann und mit Alexej, seinem treuen Pferdelenker, fort. Da kam er eines Tages in eine Dorfherberge. Der Wirt, ein Thoragelehrter und frommer Mann, empfing den Rabbi mit voller Hingebung. Auch die Wirtin konnte sich nicht genug tun, für den Rabbi die Mahlzeiten zu bereiten, die über das gewöhnliche weit hinausgingen. Als es zum Abschiede kam und der Rabbi nach der guten Sitte sich zur Wirtin hinwandte, um ihr Gruß und Segen zu erteilen, da trat die Frau an ihn heran und sprach: „Erkennet Ihr mich wohl, heiliger Rabbi? Ich bin es, die Sünderin, die Ihr vom Tode gerettet. Wollet Ihr wissen, ob ich in Wahrheit Buße getan, da sehet Euch meine Kinder an.44 In der Tat, es waren wohlgediehene, brave und fromme Kinder. Es waren echte, chassidisch-jüdische Kinder.