Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1926-01-01 · Heft 1 (Januar 1926) · p. Seite 54

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 1 (Januar 1926)
Article
Die Sünderin
Date
1926-01-01
Page
Seite 54 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2912821-2912853-2912855-2916746--02680-2916862
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

54 M ENORAH Deshalb singt er am Sabbathausgange den Psalm des Trostes und durchbricht die geheimnisvolle Dunkelheit mit einem süßmelodischen Klange der Zuversicht. „Gott ist mein Hirte, nichts mangelt mir. Auf grüner Au läßt er mich lagern. Zu den Wassern der Ruhe leitet er mich. Meine Seele erquickt er, Führt mich auf rechten Geleisen Um seines Namens Willen." eltentrückt, vertieft, verträumt, in ferne Sphären gehoben, saß Rabbi Israel Baalschem. Sein Körper erstarrt und sein Blick ekstatisch verzückt, erwachte er erst, als die Ghassidim ein Lustiges anstimmten, „Friede, Friede über Israel!" ausriefen und zwei Talglichter in gezierten silbernen Leuchtern auf den Tisch gestellt wurden. Es entstand tiefe Stille und Baalschem tat seinen Mund auf und sprach seine „Thora". Er begann mit dem Passus der Woche „ein Gott der Treue ohne Fehl" und sprach von der Größe der Allmacht, wie sie die ganze Welt erfüllt und kein Ort ohne sie ist. Überall ist sie da, selbst in der Sünde und im Sünder. Alles erfaßt sie, das Gute wie das Böse. Daß somit das Böse auch ein Teil der Göttlichkeit ist und seine zweckmäßige Bestimmung hat. Und er sprach von der Heiligkeit Israels, von den sechzig Myriaden Seelen in Israel, die da immer wandern und sich erneuern und durch Sünden in Gefangenschaft geraten. Und er sprach von der Heiligkeit des Sabbath, an dem die Dinim (strenge Rechte) aufgehoben werden. Und er sprach von der Aufgabe des Zaddik, die Aufhebung der strengen Rechte am Sabbath zu benützen, um die gefangenen Seelen zu befreien und hiedurch die auf die Befreiung der Seelen harrende Erlösung der Welt herbeizuführen. Und er sprach — und sprach — und sprach--- Aber plötzlich entstand eine Unruhe in den Gemütern. Eine der zwei Kerzen begann zu flackern und erlosch. Man zündete sie an und nach einer kleinen Weile erlosch sie wieder und so auch das drittemal. „Wer stört mich in meiner Drittmahlzeit?" rief Baalschem. Und da vernahm er eine Stimme: „Ein Mörder pflegt bloß bei einer Kerze zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.