Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1926)
- Article
- Die Sünderin
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 53 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Sünderin (Eine Erzählung aus chassidischen Kreisen) Von P. J. Schapira Es war an einem Sabbathausgange, als Rabbi Israel Baalschem im Kreise seiner Getreuen die dritte Mahlzeit einnahm. Diese Sabbathmahlzeit verdient eigentlich kaum ihren Namen. Denn wenig, sehr wenig spielt dabei das Essen eine Rolle. Ein Bissen vom Sabbathbrote, einen Trunk aus dem Sabbathbecher, und wenn es hoch geht, noch den Rest vom Fisch und man hat seine Pflicht erfüllt, man hat „Schalosch Sudot" gehalten. Dagegen wird dem Spiel des Geistes und der Seele freier Raum gegeben. Denn es gilt, vom heiligen Tag gebührenden Abschied zu nehmen. Da wird reichlich psalmiert, gesungen und Thoraworte zum Besten gedeutet. Als ob jedoch die Chassidim das Nagen ihres Herzens mit Gebet, Gesang und Thoraworten allein nicht zu stillen vermöchten, greifen sie hinüber zum Gebiet des Verborgenen — zur Kabbalah, tauchen die Glut der hinzugekommenen und nun wieder scheidenden Sabbaths^ele — der „N'schamah Jeteirah" — in das tiefe Meer der Mystik, verscheuchen die finsteren Satansgeister, die frech geifernden Hunde, die vom Alltag her zur Verdüsterung des Gemütes bereits herüberschauen, und singen ihre Lieder. Wehmutsvolle Stimmung erfüllte die Betstube des Baalschem. Die Wände gaben den Prozeß der Tag- und Nachtablösung wieder. Es schwanden die letzten Sonnenstrahlen und ihre Stelle nahmen ein das Rot, das Gelb und die Blässe, welche nach und nach von den Schatten der Dämmerung beherrscht und verdunkelt wurde. Der Tag wich vor der Nacht und der heiliglodernde Sabbath vor dem grauen Alltag. Gegen diesen jedoch, gegen den Alltag, bäumt sich die im Mysterium des Sabbath gehobene Seele des Chassid; denn Alltag bedeutet die Wiederkehr der schwerlastenden Galuth, der körperlichen und — was noch mehr ist — der geistigen Galuth. Das ist die bekannte und von Chassidim viel bekämpfte „Galuth Haschechinah", das Exil der Gottesglorie. Alltag bedeutet auch Sorge ums tägliche Brot und nicht darf der Chassid von einer Sorge wissen; denn Trübsinn verdrängt die Gottesglorie auf Erden.