Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1926)
- Article
- Telschi
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 42 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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42 MENORAH stehlicher Kraft des Wunsches, diese Bücher aufzuschlagen und so alles draußen vergessen zu dürfen? Hier erklärt sich eins, was stets Hauptargument gegen die Jeschiwah gewesen ist: Ihre Weltfremdheit. Mag dieser Vorwurf von Leuten erhoben, die wider ihren Willen in sie hineingestoßen wurden, einiger Berechtigung nicht entbehren, heute „lernen" wirklich nur solche, die nicht nur aus freien Stücken, sondern unter Hintansetzung aller übrigen Interessen kommen. Ist es dem, der mit dem Wollen ganz sich dem Studium zu opfern gesegnet ist, als Fehler anzurechnen, daß andere Dinge sein Interesse nicht wach halten können? Wer wollte wohl einem, der eine Nachtwache über den heiligen Büchern zugebracht hat, zum Vorwurf machen, daß die Zeit zu nichts anderem verwendet wurde, da sie doch eben nur dazu verwendet werden konnte! — Aus innerster Notwendigkeit! Freilich sei zugestanden, daß diese Art der Erziehung eine wenig praktische ist, aber der Wahrheit muß die Ehre gegeben werden mit dem Bericht, daß solche aufopfernde, alles andere ausschließende Kraft fast nur den jüngeren unter den Schülern zu eigen ist. Die etwas älteren erweitern selbst ihren Horizont durch Lektüre, die, wenn zwar offiziell nicht geboten, so doch wenigstens nicht verboten ist. Doch gibt es noch — ganz verschwindend wenig zwar — Maskilim1) alten Schlages, den Mann mit dem schweigenden Gesicht dort drüben in der Ecke, der eines Nachts auf und davon ist — nach Deutschland — studieren. Jener dort hat Deutsch gelernt und liest mit einem Freund Faust, bloß spricht er das Fejscht aus. Neulich erklärte er mir, daß er „von Goethe halte", in einem Ton, als ob mir, dem „Daitsch" ein persönlicher Gefallen damit erwiesen sei. Im übrigen werden viel Übertragungen europäischer Literatur ins Hebräische, deren es mehr gibt, als manche glauben, gelesen. So hat vor kurzem hier eine kleine Gemeinschaft Romain Hollands „Johann Christof" in Bearbeitung genommen. Es sieht sich seltsam an, wie in der litauischen Hütte um den dreibeinigen Tisch Jeschiwah-Bachurim sitzen und bei einer Kerze in Werken blättern, die so entfernte Welten behandeln, die mit für sie so abstrakten Begriffen rechnen. Es müßte wohl Gegenstand gesonderter Betrachtung sein, wie das gesunde, jüdische Empfinden dieser Talmudschüler den inneren Kämpfen der Helden deutscher Romane und Dramen begegnet. Soviel scheint sicher: Viel so verständnisvolle, natürlich fühlende Leser wird man nicht sobald anderswo finden. l) Aufklärer.