Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1926)
- Article
- Telschi
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 43 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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T E L S C II I 43 Interessant ist es für den Deutschen, der, wenn er kaum angekommen, mit Fragen überfallen wird, wie: Was haltet Ihr von Werther? Wos is dos: transzendental? Ihr halt Kant far a Frumen? Die gründliche Art und Weise, aus Buchstaben Sätze zu lesen, Widersprüche zu finden und zu lösen, dies talmudische Durchdenken eines Lehrsatzes muß merkwürdig anmuten, wenn es bei Werken unserer Literatur angewendet wird. Fast immer schwingt da der Unterton des Frage- und Antwortspiels im „Lernen" mit. Nicht selten kommt es dann vor, daß mit demselben Singsang und den eigenen Bewegungen wie ein Tosaphot1) eine Goethe-Stelle „gelernt" wird. So ergibt sich vielleicht aus dem Gesagten das ungefähre Bild eines Jeschiwah-Bachurs. Wochentags ist er — das sei der sicherlich anderen Voraussetzung entgegen berichtet — halb, am Sabbath ganz europäisch gekleidet. Die Stunden des Tages sind vom Studium voll ausgefüllt und oft auch die der Nacht. Uberall aber, in allen Beschäftigungen und allen Gedankengängen, soweit sie ihn auch von der Jeschiwah als solchen entfernen mögen, bleibt er, was er ist, ein Jeschiwah-Bachur. Das, was man, will man eine Parallele dazu im deutschen Hochschulwesen suchen, ein „Kolleg" nennen muß, sieht ungefähr folgendermaßen aus: In der Jeschiwah wird ein kleines Podium aufgestellt. Alle Bachurim sind im Nu um es herum. Jeder sucht soweit als möglich nach vorn zu kommen, um dem Rabbi am nächsten zu sein. In dichtem Gedränge, oft einer über dem andern steht man, als der Rabbi endlich kommt. Für ihn öffnet sich dann eine Gasse, die sich, kaum ist er vorbeigeschritten, wieder schließt. Er schlägt eine Gemara auf und liest einen Text, erwähnt dann mit bedächtigem Ton eine Schwierigkeit in ihm. Kaum ist die Frage zu Ende gesprochen, als auch schon in den eng gedrängten Reihen vor* ihm ein lebendiges Diskutieren tönt. Man faßt seinen zufälligen Nachbar, bespricht mit ihm das Gesagte, erwägt es, bestreitet, beantwortet die Frage. Die Lebendigkeit, dieses intensive Sich-Beschäftigen mit jedem gesprochenen Wort, dies Ergründenwollen ist das Echt-„Jeschiwische". Dann gebietet ein Schlag mit der Hand den Disputen ein Ende, der Rabbi fährt fort. Oft aber ist's ihm fast unmöglich, wieder Ruhe herzustellen in diesem Gewirr von erhitzt redenden Stimmen. Dann hört *) Talmudkommentar.