Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1926)
- Article
- Wie die Alten die Bibel deuteten
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 2)
- Language
- German
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WIE DIE ALTEN DIE BIBEL DEUTETEN 21 durch dich mein Leben erhalten bleibe. Und als Abram nun nach Ägypten kam, da sahen die Ägypter die Frau und fanden, daß sie sehr schön war. Die Fürsten Pharaos sahen sie und rühmten sie dem Pharao, und sie wurde in Pharaos Haus gebracht... Und Gott schlug Pharao und sein Haus mit schweren Plagen wegen Sarais, des Weibes Abrams." So die Erzählung in ihrem wesentlichen Teil. An ihr muß dem tiefer Beobachtenden, mit der Seele Lesenden und auf das einzelne Wort Achtenden mancherlei auffallen und rätselhaft erscheinen. Zuerst, das wäre noch ein Halbäußerliches, wieso spricht Abraham an den Toren Ägyptens das Wort,, ,,siehe, ich merke, daß du eine schöne Frau bist", hat er das denn nicht vorher gewußt? sieht er das erst jetzt und wieso erst jetzt? Zweitens, und das ist die allerschwierigste Frage, denn sie greift tiefst ins Innerliche, ist denn Abrahams Verhalten nicht mehr als seltsam, beinahe unverständlich? Selbst wenn man darüber hinwegsieht, daß es eigentlich doch eine merkwürdige Haltung von ihm ist, Sarah zu veranlassen, daß sie sich als seine Schwester ausgebe —- an anderer Stelle wird ja erklärt, daß sie in der Tat seine Halbschwester war — selbst wenn man darüber hinwegsieht, daß Abraham als Motiv der geplanten Verschleierung seine Furcht nennt, totgeschlagen zu werden, was doch ein stark egoistischer Beweggrund ist, bleibt immer noch eines fraglich. Was nämlich wäre nun praktisch erreicht, wenn Abrahams und Sarahs Plan völlig gelänge? Dann wäre Sarah als iVbrahams Schwester, als ledige Frau dem Zugriff jedes Mächtigen frei gewesen und ihre Keuschheit mußte in Gefahr kommen, während die ganze Absicht doch nur einen Sinn gehabt hätte, wenn damit Sarahs Keuschheit vor jeder Vergewaltigung gesichert wäre. Denn wir können Abrahams Gedankengang doch nicht so auffassen, daß er etwa bei sich gedacht hätte: „wenn ich nur nicht totgeschlagen werde, für das andere, für Sarahs Bewachung wird Gott schon sorgen", das hieße ja einfach auf das Wunder rechnen und warten, was man doch nie, auch als Frommer, tun darf. Hier liegt also die Hauptschwierigkeit der Erzählung, tat Abraham nichts, um Sarahs Keuschheit vor Gefährdung zu retten? Und zu dritt kommt eine auf dem Gebiet des Sprachlichen liegende Beobachtung hinzu, warum ist in dem Satze: „Gott schlug Pharao mit schweren Plagen wegen Sarais" für die Präposition „wegen" keines der sonst üblichen leichten Worte gewählt, sondern das schwere und volle „al dewar", das wörtlich heißt „auf Geheiß", „auf den Ausspruch"? In der Art nun, wie der Midrasch all diese Schwierigkeiten ahnt, ohne sie zu benennen, und daraufhin seine Erzählung formt und die biblische ergänzt und umprägt, zeigt sich all