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Menorah · 1925-12-01 · Heft 12 (Dezember 1925) · p. Seite 266

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 12 (Dezember 1925)
Article
Der Traumsiedler
Date
1925-12-01
Page
Seite 266 (sequence 6)
Language
German
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266 M E N O R A H daß es die Stadt des ewigen Sabbath ist, wo man tagein, tagaus beten darf und zum Himmel rufen, zu unserem eigenen Himmel, und die heilige Thorah lernen von früh bis spät, und in der Nacht noch vor der verbleichenden Lampe heilige Worte hersagen und die Seele für Ihn und unser Volk begeistern?... Du, Melech! Melech, her zu mir! Schon ist er in Aufruhr, schon lodern ihm die Augen vor Zorn und Entrüstung. Seine Faust ballt sich, denn Melech tut, als hätte er seinen Ruf gar nicht gehört. Keiner spricht mehr ein Wort, der Neid läßt schon nach. Einen Augenblick habe ich den Gedanken — das ist der Kampf der Väter mit uns, den Söhnen. Wir haben auch keine Lust mehr zu weinen, zu schreien und zu murmeln. Was wohl die anderen darüber denken? Chananje sinkt in sich zurück und sagt mit tiefinniger Wehmut: — Der Knabe war ganz anders, bevor wir hieher kamen. Scharfsinnig, begabt. Das Herz lachte mir im Leib, wenn ich daran dachte, wie er wohl hier heranwachsen wird. Aber er kam herab. Ob die Kameraden ihn verderben, oder er die Kameraden verdirbt, ich weiß es nicht. Oft habe ich Gewissensbisse, daß ich Nerath bin und er der Sohn des Nerath, der sündigt und andere in die Sünde reißt. O weh mir, er ist kein Melech; denn Melech ist der gute König: Saul, David und Salomoh; er aber ist Jerobeam, der Böse . . . — Lieber Bruder — sprach Iljitschka zu ihm — quäle dich nicht, vielleicht ist er nicht einmal so böse, wie du glaubst. Ich sehe, daß er gern bei uns ist, gib ihn zu uns. Chananje schaut ihn an; aus seinem Auge spricht Staunen und Bestürzung. — Zu euch? Iljitschkas rasiertes Gesicht verdüstert sich. — Zu uns. — Und wer bürgt mir, daß er unter euch kein verbotenes Leben führen würde? Zriel lächelt und winkt verächtlich, Ezekiel schüttelt den Kopf und selbst Nachmen scheint sich zu einem Wort erweichen zu lassen. Iljitschka lächelt nicht. — Ein verbotenes Leben? Hier unter uns? Er wird die Ziegen und die Schafe auf die Weide führen und ein Hirte sein, wie Abraham, wie Jakob und seine Söhne. Der Knabe kam unterdessen vom Hügel herunter. Auf seinem bleichen Antlitz spielte rosiges Sonnengold, seine Augen flammten, seine Stimme bebte: — Vater, dort auf dem Hügel sind Kinder und Lämnichen. Sie kommen her! Der Vater wiegt den bärtigen Kopf: — Hirte soll er sein! Jakob wohnte in Gezeiten; dort lernte er und betete. Song der Jüngere lacht laut auf, Alfieri lacht auch. Basje flüstert mit Dinjuschka. Isa schaut Iljitschka ganz ernst an; der lächelt noch immer nicht, nur beugt er sich dem Chananje näher. Nicht nur Hirte. Ist er erwachsen, so wird er säen und ernten und uns helfen. — Euch? — Er hilft uns beim Bau. Und wenn e r bauen will, so sind wir ihm behilflich. Das Auge des Knaben ruht auf uns, er ist schon unter uns. Er redet nicht mehr, sondern wartet, was sein Vater dazu sagen wird. Des Vaters Wort ist schroff: — Nie! Plötzlich bekommt seine Stimme eine andere Klangfarbe, der k'anze Mann ist sanfter geworden. — Nein. Ich bin nicht deswegen da — sagt er. — Weswegen denn? — fragen wir. Der Litauer tritt auf ihn zu: — Willst du auch da wohnen? Und Zriel, lustig, aufmunternd: — Komm unter uns. Erde bekommst du, so viel du willst, Wasser geben wir dir auch dazu; bis heute Abend ist die Schleuse hier fertig. Und wir zimmern dir auch ein Haus. Und von allen Seiten das Zureden: — Bleibe, Chananje. Er wird von allen zurückgehalten. Die Araber hatten sie aber sofort weiter ziehen lassen. Chananje schaut uns an, seine Züge spiegeln Verblüffung wieder. — Aus Jeruschalaim hieher? Wir begreifen es alle: wir wollen einen unmöglichen Tausch. Aber Ezekiel, der Ungestüme, fährt ihn an: — Gefällt dir unser Tal nicht? Willst du etwa auch Schöpse und Maultiere füttern? Natürlich versteht der frischangekommene Bruder die Frage ebensowenig wie unseren gekränkten Ton darüber, daß Tel- Chalom nach Abu-Abdullah auch ihm nicht paßt. Alfieri tritt leutselig an ihn heran und lispelt ihm ins Ohr wie ein Weib: — Du Bruder, weißt du, was das für ein Tal ist? Hier lasen einst Ruth und Naomi die herumliegenden Ähren auf. Hier ließ Elisa das tote Kind auferstehen. Hier schrie Josuah zum Himmel: Sonne, bleibe stehen! Und die Sonne blieb stehen. Erstaunt horchen wir alle auf: wo hat Alfieri das alles her? Weiß er, daß es unser Tal ist? Von wem? Er hatte draußen zwei Vaterländer beweint: diese Erde und das duftige Andalusien, wo seine Ahnen: Ärzte, Dichter, Astrologen und heiße Fabulisten gelebt haben. Erzählt er nicht auch ein Märchen? Wir haben ihn im Verdacht, daß er alles das bloß erfunden habe und es erzählt, um Chananje anzulocken. Aber wenn es doch wahr sein sollte? Chananje glotzt mit den Augen: er glaubt daran, Zriel glaubt auch, nicht minder schon Alfieri selber. Ich neige auch schon dazu. Das ist das Tal . . . — Nein — sagt Chananje still — das ist nichts für mich. Ich bin ein kranker Mann, ertrage diese Arbeit nicht. — Was fehlt dir? — dringt Iljitschka in ihn. — Mein Magen, meine Leber, meine Lungen. Mein ganzer Leib ... — Hier wirst du alle Krankheiten überwinden. Zriel hat seine Lungen in Kiew ausgespuckt; hier verschaffte er sich neue Lungen. Aaron hat draußen viel von seinem Blute vergossen; hier erwarb er sich neue Kräfte. Jischaj war ein schmächtiges, bleiches Männchen; schau' ihn dir hier an! Jetzt ist er ein vierschrötiger Bauer. Die schwachen Mädchen werden hier stark, die Kinder wechseln hier die Glieder förmlich aus. Jedermann scheint hier beinahe einen neuen Körper zu bekommen. Versuch' es nur . . . Zugreifen heißt es, Bruder, zugreifen. Es ist genug, fünfzehn Jahre in dunkeln Kammern über den Tisch gebeugt. Chananje schweigt. Iljitschka befühlt ihm den Puls, beugt ihm das Ohr an die Brust. — Dein Herz ist gut, dein Blut macht seinen Kreislauf, wie vorgeschrieben. Chananje schüttelt den Kopf und sagt leise: — Der Leib mag erstarken, aber die Seele! Ist der Leib gesund, so verkümmert die Seele. Sie hat aber auch Wünsche. Und da wir alle schweigen, fährt er ermutigt fort: — Bleibt ihr nur hier, ich gehe zurück in die Stadt. Ihr arbeitet nur hier; ich segne und preise dort den Allerhöchsten. Ihr mit dem Leib, ich mit der Seele. Ihr lebt der Erde, ich dem Himmel. So tauschen wir unsere Ernte aus. Ihr die irdische, ich die himmlische. Ja. Sorgt für mich, auf daß ich Gesetz und Gebot halten kann. Ich bitte nur darum, was unser frommer Urahn einst von Gott sich erflehte: Brot und ein Kleid. Verschaffet das für mich und die Meinigen, auf daß ich auch lür euch in Gottes Tempeln sitzen kann. Ezekiel springt auf, sein Gesicht flammt vor Aufregung. — Es ist genug. Für uns sollst du nirgends sitzen! Wir tun auch nichts deinetwillen! Willst du Erde, so sollst du sie haben. Brot und Kleid nicht. Es gibt genug Müßiggänger, wir wollen ihre Zahl nicht vermehren! Und Theodor Song: — Wer arbeiten will, mag bleiben, wer aber faulenzen, soll gehen! Eduard Song: — Wir wollen keine Drohnen ernähren. Alle stimmen nickend zu. Nur Nachmen sagt nichts. Kein Wort. Ich gebe wohl meinen

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