Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1925)
- Article
- Der Traumsiedler
- Date
- 1925-12-01
- Page
- Seite 265 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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M E N O R A H c265 — Ihr habt sie noch dazu eingeladen — drängt sich der Vorwurf auf Isas Lippen (die anderen stimmen ihr bei) — ihr hättet ihnen sogar das Tal von Tel-Chalom geschenkt. Ich fühle den Vorwurf auf mir, ich muß mich verteidigen: — Nicht das ganze Tal. Das Tal ist ja groß. Menschen brauchen wir. Und sie sind doch unsere Brüder. — Unsere Brüder! Diese! — und Isas Stimme schwillt vor Spott. Ich kann nicht antworten. Aber lljitschkas herbe Stimme spricht statt meiner. — Ja, unsere Brüder, vielleicht unsere liebsten Brüder, so wenig sie auch davon wissen. Die Söhne unserer Väter, stolz auf die Väter und stolz auf ihre Söhne. Seht euch nur an unsere Bangemacher. Abu Abdullah nennt ihr ihn, Ibn al Farid nennt ihr den anderen, während er Dschafar heißt. Aber er ist Farids Sohn und Abdullahs Vater und er tut sich auf beides zugute. Und besonders stolz ist er auf seinen Sohn Abdullah, denn dieser ist die Zukunft. Abu Abdullah Dschafar Ibn al Farid ist mein Name — so redet sein Hochmut und es ist, als sagte er: ich bin die Zukunft, die Gegenwart und die Vergangenheit. Ob unser Leben nicht dasselbe ist? Wir bauen das Morgen aus dem Gestern über das Heute. lljitschkas Rede war sonderbar, auch stockte sie manchmal wie seine Stimme. Seine Rede war auch nicht allzu verständlich, aber alles nickte zustimmend. Uber das Weiße in Isas Auge huschle ein lachender Strahl. Iljitschka fügte noch hinzu, während er das Schilf mit starkem Krümmen um die Pfähle flocht: — Nur in ihnen und in uns wurzelt so tief der Stolz der Nachkommenschaft. Nur sie und wir sind so stolz darauf, daß wir Kinder haben. Schade, daß wir nicht gewohnt sind, uns auch unseren Namen damit zu schmücken! — Da hast du wohl recht — lachte der alte Song, und auch Nachmen nickte mit dem Kopf. Isa hob mit weitgespreiteten Armen eine Garbe Schilf auf und trug sie zum Damm. —- Hieher! — rief Ezekiel, dem eben das Reisig ausgegangen war. Aber Isa warf ihr Bündel vor Iljitschka hin. — Dir habe ich's gebracht. — Mir? — fragte Iljitschka und in seiner Stimme verdickte sich das Herbe. — Soll ich noch holen? — fragte Isa. — Ich brauche noch viel — antwortete Iljitschka milder. — Gut — sagte Isa und eilte zurück, um Schilf zu holen. Die beiden Amazonen kamen ihr entgegen. Basje sagte vorwurfsvoll : — Ezekiel steht hier untätig und du gibst alles dem Iljitschka. — Iljitschka braucht es — zuckte Isa die Achsel. — Iljitschka braucht es — schüttelte sich Dinjuschka mit ihrem ganzen Körper. Sie zwinkerte mit einem Auge und lachte. Sie lachte süß und schelmisch. VII. KAMPF MIT DEM BRUDER Tel-Chalom, letzter Tag des Baues. Heute mittags ward uns eine große Freude zuteil. Aus der Stadt kamen zwei von unseren Brüdern. Vater und Sohn. Der Vater dürfte das gleiche Alter haben wie ich. Der Sohn — bleich, mit tiefen Augen. Wir drückten sie ans Herz und weinten. Sie haben die Stadt schon gesehen, wir noch nicht. Sie leben dort, seit sie aus dem Wimvarr des Abendlandes nach dem ruhevollen Osten gekommen waren; wir leben hier im Schatten der Hügel von Tel-Chalom. Uns ward es bisher nicht vergönnt, zu den alten Mauern zu pilgern. Es dauerte eine Ewigkeit, bis wir es vom Zelt zum Holzhaus, vom Holzhaus zum bestellten Feld gebracht haben. Und eine neue Ewigkeit, bis wir die Erstlinge der Herde ins Gehöft treiben und den Segen unserer Hände einsammeln konnten. Ob er uns weiter blühen wird? Bis zur neuen Regenzeit kann keiner von uns fort. Dann aber rüsten wir uns für den Weg und schauen unsere ewige Stadt an. GRETE WOLF-KRAKAUER Wien Schriftsteller MAX ERMERS — Ist sie schön, Bruder Chananje? kürwahr schön? Chananje nickt. — Die größte und schönste. Weder Odessa, noch Lemberg, noch Krakau ist so groß. Und lange nicht so schön. Ich könnte nirgends sonst mehr leben. Sie ist die wunderbarste aller Städte der Welt. Er schweigt und fängt wieder an: — Vielleicht doch nicht. Moskau ist größer. Lemberg auch. Jeruschalaim ist klein, aber wie ein Mutterherz. Was ist nämlich größer als ein Mutterherz? Ein Lächeln auf allen Gesichtern. Auch die Werkzeuge lachen vergnügt, sie ruhen jetzt. Die Männer halten inne, auch die Mädchen tragen keine Gerten mehr herbei; die Arme erschlallen wie von altem Wein. Jetzt beneiden wir alle Chananje, der schnurstracks dorthin fuhr und sich dort niedergelassen hat. -— Erzähle! — sagt ihm Dinjuschka. Du auch, kleiner Melech, — liebkost sie das Kind —- was hast du alles gesehen? Der Knabe antwortet zuerst. Er schüttelt sein langlockiges Llaupt mit der Samtmütze: — Dort ist es nicht schön, nein! Hier ist es schön. Schüchtern blickt er auf den Vater, nimmt dann Reißaus, er fürchtet Prügel, bald hat er den Hügel erklommen und starrt mit weitgeöffneten Augen nach dem Sumpt, bewundert die aufgescheuchten Vögel, die milden Hügel des ,,Mohnkuchens", das Tal und die blaubekappten Berge. Der Vater winkt, unangenehm berührt. — Unwissendes Kind! Wie soll er sagen können, was diese Stadt uns bedeutet? Weiß er denn schon, wie süß es ist, dort zu wohnen, zu singen und zu lernen? Bei der Mauer, wo alle Welt weint, sind seine Augen trocken geblieben. In der Schule, wo gelehrte Debatten geführt werden, schließt er den Mund. Wo es gilt zu beten, ist er nirgends zu finden, schweift auf den Feldern herum. Mit den Araberjungen. Was weiß er davon, daß es die Stadt ist, die einst von unseren Königen bewohnt war und wo der König aller Könige den Sabbath feiert? Was weiß er davon,