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Menorah · 1925-12-01 · Heft 12 (Dezember 1925) · p. Seite 267

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 12 (Dezember 1925)
Article
Der Traumsiedler
Date
1925-12-01
Page
Seite 267 (sequence 7)
Language
German
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M E N O R A H 267 Brüdern recht, obwohl ich das Gefühl habe, daß sie unrecht haben. Der Zorn ist kein Mittel zur Überredung. Man sollte sich diesem Chananje anders nähern. Soll ich anfangen? Die Kinder kommen herunter vom Berge. Ist Mittag schon vorüber? Sie führen unser Vieh. Wie sie lärmen! — Junge, du aus der Stadt! — Wie nennst du dich? — fragt Zipporah. — Melech . . . — Melech! — brüllt Kalbu den anderen entgegen. — Bleibst du hier? — fragt Rüben. — Ich möchte gern . . . Die kleine Naomi mit den übrigen ist auch da. Alle haben sich untereinander befreundet. Melech schaut zu, wie die Mädchen die Ziegen melken. Basje und Dinjuschka waschen sich die Hände: sie setzen sich mit den Töpfchen unter die Kühe. Wir setzen uns. Chananje bekommt Milch und Brot wie die anderen, das Kind auch. Zriel setzt sich neben Chananje. — Schau, Chananje, du kannst ja hier nach Herzenslust leben. Und kannst deine Kinder auch erziehen. Im Winter, wenn die Regenzeit heranbricht, setzen wir uns zusammen, ich, du, Nachmen und die Kinder, und lehren die Kinder die Weisheit der Thorah. Nachmen scheint ihm beizustimmen. Chananje denkt nach. Der Litauer sagt zu Aaron: — Der bleibt. Aaron: — Es wird auch gut sein. Alfieri wendet sich zu Ezekiel: — Es Avar schade, daß wir uns geärgert haben. Dem Zureden folgt er leichter. — Ich bin einmal so — zuckt Ezekiel die Achsel. Alles beruhigt sich. Song der Ältere mustert den Gast: — Ein gesunder Mensch. Wir brauchen ihn. In einer Woche erträgt er die Arbeit so gut wie unsereiner. Der jüngere Song berechnet, daß die Arbeit um einen Tag weniger gedauert hätte, wenn er von Anfang an da gewesen wäre. Jemand bemerkt spaßhaft, daß Chananje uns nicht mehr beisammen gefunden hätte, wenn die Arbeit einen Tag früher zu Ende gegangen wäre. Alles lacht, nur Iljitschkas Gesicht bleibt ernst. Ihn kümmert es nicht, wenn Chananje die Arbeit erst in einer Woche aufnimmt; aber er meint, jener wolle nicht bleiben. Iljitschka hat den schärfsten Blick. Er hat gut gesehen. Chananje will nicht bleiben. Er tritt zu Ezekiel hin, spricht zu ihm leise, mit gebückter Demut, wie zu einer Amtsperson. Nur gebrochene Worte erreichen mein Ohr. — Ich kann sie nicht im Stich lassen . .. unsere Väter . . . der Heilige gebietet . . . wir verhungern wohl . . . aber nicht nur das Erdenleben kommt in Betracht . . . die Seele . . . das Jenseits . . . süß ist das Leid . . . Jeruschalaim . . . über die Bücher gebeugt ... die Propheten . . . das Kind ... es verkommt . . . sein Großvater ist auch fromm . . . ihr müßt helfen . . . das Gesetz . . . die Lehre . . . Ezekiel lauscht, ihm reißt die Geduld. Er greift zur Hacke und spitzt den Pfahl. Mit starken Schlägen treibt er ihn in den Boden. Er spornt den Litauer an: — Gerten! Die Mädchen rufen: — Schilf! Und jetzt ist er wieder wild wie immer. — Du redest viel, Bruder. Dazu fehlt uns die Zeit. Willst du bleiben? Du bekommst Erde. Bleibst du nicht? Chananje tritt von ihm zurück. Er ist eingeschüchtert. Er geht zu Iljitschka: ----- Erde brauche ich nicht. --- Was brauchst du denn? —- Ich habe es gesagt. — Sonst haben Avir nichts! — sagt Iljitschka und sein Gesicht ist hart. — So gehe ich. — Geh! Noch geht er nicht. Er wendet sich zu uns und fragt: — Soll ich gehen? Ich stärke mein Herz: — Willst du nicht so leben wie Avir, so magst du gehen. Alfieri sagt zögernd: — Geh, geh! Nachmen sagt auch jclzt nichts. Aber er hält ihn nicht zurück. — Wohlan! — sagt Chananje. Jetzt ist er schon wie Ezekiel oder A\ie einer der beiden Song: stolz, heftig. Melech, he, Melech! Er nimmt seinen Stock, schlägt auf die Erde, seine hohe Stirnc ist voller Runzeln, er zeigt den Kindern die Faust und flucht Avie ein erzürnter Prophet. — Komin, Melech! Vermaledeiter Junge, du Heide! Du Avürdest bleiben unter diesen! Komm, wenn ich dir sage. Ei, du störriger Taugenichts! Er packt das Kind bei der Hand (unsere Kinder rücken einander schüchtern näher) und zerrt ihn mit sich. — Hier möchtest du bleiben? In diesem verdammten Tal? Es ist nicht Avahr, daß Ruth hier die Ähren gesammelt hat; hier Avuchsen nie Ähren und werden auch nimmer Avachsen. Es ist nicht wahr, daß Elisa das tote Kind hier auferstehen ließ: hier brachte der Zornige die dreiunddreißig Kinder um, Aveil sie seine Glatze verhöhnten. Lind auch Josuah brachte die Sonne nicht hier zum Stehen; es ist nicht das Tal Josuahs, es ist das Tal Josaphat oder vielleicht das Tal Hinnom, das von ZAveifacher Nacht bedeckt ist; denn hier lebte Amalek, der Verfluchte! Komm, Melech, du verlorener Sohn, du Schande deines Vaters, du Trauer deiner Mutter, komm! Er reißt, er schleppt den Aveinenden Jungen mit sich. Immer wieder bleibt er mit ihm stehen. Er war schon fern bei den aufgeAvölbten Hügeln unter der Mittagssonne und noch immer vernahmen Avir seine fluchende Stimme. — Schmach und Schande... Welche Gefahr!... Sie leben im Verderben . . . Die Kinder trieben das Vieh Avortlos zurück zum „Mohnkuchen". Wir beugten uns über unsere Werkzeuge und arbeiteten Aveiter. Das VIII. Kapitel folgt in der Nr. 7 tlt-s IV. fahrganges / Neu eintretende Abonnenten erhalten auf Wunsch die hereits erschienenen Kapitel I—\7I gegen Einsendung von S 2. nachgeliefert. DAS UNZERSTÖRBARE MEISTERWERK „Kommen Sie mit mir in die Kunstausstellung", sagte Max Kramm. „Mein Freund Braun stellt dort aus. Kennen Sie Braun? — Schade, ich glaube, er ist heute einer der größten lebenden Künstler. — Nein, Avir gehen zu Fuß; es ist nur ein paar Häuser Aveit und ich Avill Ihnen eine Geschichte erzählen." Eine Geschichte von Max Kramm ist immer der Mühe Avert gehört zu werden, auch wenn es heiß ist und obAVohl das Pflaster sich durch das Leder meiner Schuhe Avie ein glühender Ofenrost anfühlt. Denn Max mit seinem Danteprofil ist nicht nur einer der ersten Pianisten und Musikpädagogen des Landes, nicht nur der Billardmatador des Athletic-Clubs in Chicago und der berühmteste Kenner alten Porzellans, sondern auch einer der Avcnigen Überlebenden der nun aussterbenden Rasse der Erzähler aus jener guten alten Zeit, in der es noch billige Zigarren und Freitische gab. „Ich muß heute noch acht Klavierstunden geben," seufzte Max mit einem Abschiedsblick auf das Gebäude der Musikakademie, „ober Avenn mein alter Freund Braun eine Ausstellung veranstaltet, dann gehe ich hin." „Es A\ar zu jener Zeit, als Avir zusammen in einem Atelier in der North Avenue wohnten, in unserer Nachbarschaft hatten sich jo Davidson, Walter Goldbeck und die ganze übrige Bande an-

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