Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1925)
- Article
- Der Traumsiedler
- Date
- 1925-12-01
- Page
- Seite 264 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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264 MENORAH GRETP: WOLF-KRAKAUER (Wien) TRAUNSTEIN Eduard Song und Ezekiel wiederholen die Gebärde, das Gesicht des Litauers spannt sich und er starrt die Ankömmlinge an, als zielte er bereits mit dem einen Auge. Obwohl er keine Pistole hat. Zebuion wirft den Felsen über eine Schulter. Alfieri rückt ihm bleich näher. Aaron, Zriel und die Mädchen stehen hinter mir. Meine Hand zittert in meinem Bart, ich schaue und harre der Dinge, die da kommen sollen. Der Augenblick durchbebte uns alle. Wird Blut fließen? Abu Abdullah wechselt einen Blick mit seinen Gefährten, die stumm lächeln und jetzt lächelt er auch: — Wir wollten nur wissen, ob ihr wirklich unsere Brüder seid. Jussuf nickt bejahend. — Das sind tapfere Leute. Abd-ur Rahman stimmte bei. — Wahrhaftig, es sind Brüder. In mir regt sich etwas. Ich wußte es, ich wußte es. — So kommt denn zu uns, wenn ihr Brüder seid, das Tal von I cl-Chalom ist groß genug, es hat Platz für alle. Iljitschka sagt mir nach: — Kommt! Ezekiel steckt den Todcsvogel ein. Er schweigt. Es wäre mir lieb, Avenn auch dieser harte Mann sagen würde: Kommt! Doch er sagt es nicht. Auch die beiden Song sind waffenlos, aber auch sie sagen kein Wort. Isa schaut Iljitschka an, zieht die schmalen Lippen ein, schweigt. Basje schweigt auch. Aaron, der Einäugige, ebenfalls. Nur Alfieri?agt sehr leise, fast schamhaft: — E« ist Platz für alle. Die übrigen schweigen. Abu Abdullah wendet sich um. Er schaut ins Tal. Seine beiden Gefährten tun dasselbe. Ich sehe ihr Gesicht nicht, aber ich fange an, mich meines Vorschlages zu schämen. Bis jetzt hatte ich noch nie gesehen, daß das Tal so öde war. Hie und da ein ärmlicher grüner Slreifen, wo die Erde schon wieder auflebt, aber snnM! Wie leichenhaft! Heute ist es gewiß noch so — möchte ich ihm erklären — aber morgen! Ibn al Farid lacht. Freilich. Es ist sein altes Flohngelächter; ich kenne es: hchehe, Jude, Reis hast du gesät. Daher sage ich lieber nichts. — Besten Dank, Bruder, das Tal paßt uns nicht! Jussuf lacht auch. Er lacht Abu Abdullah an. — Das Tal da? Nein! Abd-ur Rahman ist bestrebt, ernst zu bleiben. Flier hätten wir kein Futter, weder für den Schöps, noch für das Maultier. Sic wackeln mit dem Kopf, verbeugen sich, murmeln etwas von Allah und verlieren sich im Galopp, hinter ihnen weißer Staub. Wieder verdichtet sich das Schweigen über uns, wieder scheiden uns die Gedanken, wieder kommen mir meine Brüder unheimlich vor. Ich muß den Blick abwenden. Im Morast kriecht ein Wasservogel, tief gröhlend. Eine Rohrdommel. Ein Storch schreitet am Rand des Schilfteiches einher, hebt den Schnabel, als spülte er die Kehle aus. Er verschlingt Frösche. Über uns ein Reiher, ein Flamingo, Wildenten. Diese wissen noch nicht, daß wir gegen sie arbeiten. Zuerst waren sie schüchtern, jetzt fürchten sie sich nimmermehr; sie haben sich mit uns bereits befreundet. Arme Vögel!... Früher haben sie mir nie ein ähnliches Bedenken eingeflößt; nur seitdem ich es von Abu Abdullah vernommen . .. Wir scheuchen sie fort. Wir vertreiben sie aus ihrer Ruhe. Bis jetzt hat man uns verfolgt, heute sind w i r die Verfolger! Ist das recht so? Wem gehört die Erde? Immer dem Stärkeren? Iljitschka weiß Bescheid: — Die Erde gehört dem, der sie bearbeitet. Er ist mir von allen Brüdern am nächsten; mehr als einmal beschäftigt er sich mit denselben Gedanken wie ich. — Oder — sagt er später — die Erde gehört niemandem, man bekommt sie in Pacht, um sie urbar zu machen und für seine Kinder vorzubereiten. Er haut mit Wucht einen Pfahl nieder, als befände er sich in c'ner heftigen Debatte. — Abu Abdullah hat Unrecht, der Flamingo und der Reiher finden viel eher einen Morast, als wir einen Acker. Größer ist die Welt für sie. Und lange fällt kein Wort. Nur die Werkzeuge unterhalten sich miteinander, mit der Erde, dem Stein und den Pfählen. Es wird am Damm gebaut. Das Schweigen lastet auf uns. Jeder wartet, daß der andere den Anfang macht; denn etwas ist noch ungeklärt. Die Sache der Vögel? Oder Abu Abdullah? Der Litauer schielt mit dem einzigen Auge nach Nachmen und Nachmen, der unter den Schweigenden am schweigsamsten ist, öffnet unerwartet den Mund. Spricht er, so sagt er gewöhnlich nur zwei Worte und das ist noch unheimlicher als sein Schweigen. Jetzt sagt er: — Er ist wie ein Kosak. Bestürzt schaut ihn alles an. Zriel seufzt auf: — Ein wilder Kosak! Er hat einen bösen Blick. — Ich glaube auch, — sagt Dinjuschka mit kindischer Angst ---- er ist ein böser Mensch. — Er führt etwas Böses im Schilde — meint Aaron auch.