Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1925)
- Article
- Der Traumsiedler
- Date
- 1925-12-01
- Page
- Seite 263 (sequence 3)
- Language
- German
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M E N O R A H 263 Brüder, da wir doch so einsam sind? Ist jeder Bruder so, oder nur wir? Wir wurden einst gesegnet, auf daß wir werden sollen zahlreich wie die Sterne des Himmels und der Sand des Meeres. Zum Fluch wurde dieser Segen! Wir sind wohl wie die Sterne des Himmels, das heißt: wir leben alle gesondert, von einander getrennt. Und wir sind auch wie der Sand des Meeres: jedes Sandkorn lebt sein eigenes Leben, wie nahe es dem anderen auch sei. Jeder ist seinen Geschäften hingegeben und Meere trennen uns. Es ist bedrückend, wie dieser Nachmen neben mir schweigt. Gestern hat er das Summen begonnen und heute ist er der Schweigsamste. Er schweigt wohl immer, heute aber ist die Stimme in ihm in der Tiefe versunken. Hat er je seine Leiden jemandem anvertraut? Gewiß nicht. Nur das Messer unter seiner Schulter spricht zuweilen, wenn er halbnackt über der Arbeit dahinbrütet. Und sein Töchterchen Naomi lallt ab und zu mit kindischem Gemüt: — Mama Breine lief auf die Straße — das Haus brannte lichterloh — sie nahm Eli und die kleine Esther mit. Drei Kosaken liefen ihnen nach, um auf sie „aufzupassen" . . . Sie sind zur Großmama gegangen . . . wir sind über das Meer hergekommen und jetzt wissen sie nicht, wo wir sind. Arme Mama Breine! Arme kleine Esther! Armer Eli! Die drei Kosaken sind ihnen nachgelaufen . . . Dieser Witwer brachte hieher seine Vergangenheit mit: Feuer, Blut, Pogrom, Flucht... Das alles brennt unter seiner Schulter. Wohl auch noch tiefer! Unheimlich ist dieser Nachmen. Und nicht minder unheimlich der Litauer mit dem einen Auge, Aaron mit seinen Narben, Ujitschka mit der herben Stimme, Isa mit dem weinerlich lachenden Vogelgesicht, Zebuion in seiner scheelen und roten Häßlichkeit, Basje und Dinjuschka und Alfieri und Ezekiel, sie alle, wie unheimlich sind sie heute! Dennoch — nein, wir sind einander keine Fremde; bloß entfremdete Söhne ein und desselben Stammes, unter verschiedenem Himmel herangewachsen und so selbst verschieden geworden: blond und braun, häßlich und verkrüppelt. Verschiedenen Geschlechtern haben wir Sitten abgeguckt und nun fällt es uns schwer, einem Gesetz zu gehorchen. Wir lieben alle d 1 e Erde und wir alle wollen das einstige Leben vergessen. Aber das ist schwer, überaus schwer. Auch mich, der ich den Graben bohre und die Steine schleppe, auch mich läßt mein Gestern nicht los. Ja, gestern war es . . . gegen den Ted haben wir uns verscharrt in die Erde. Es ist still, aber voll Schrecken, gleich wird der Donner grollen; da fliegen wir alle mit zerrissenen Gliedern auseinander. Rasch! Ein jeder möge sich verscharren! Tiefer, tiefer! Dieser Aaron zieht sich zusammen, ich noch mehr; der Litauer versteckt sich, ein Auge ist ihm schon draufgegangen; ich verkrieche mich noch tiefer, ich habe noch beide Augen . . . Ujitschka hat es leicht, er ist Arzt, er wird nicht angeschossen; auch die Mädchen verdienen ein wenig Haß, sie sind durch nichts verpflichtet... Weh, fort mit dir, grauenvolles Gestern! Es ist nicht wahr, nicht wahr! Jetzt sind wir hier, in der Heimat, heimgekehrt aus dem großen Kriege, der zweitausend Jahre gewährt hat. Der Friede führt uns jetzt zusammen; unsere Sache, das trennende Meer führt uns zusammen. Eines Abends werden wir wieder tanzen, uns einander an die Brust werfen und einander lieben. Indes, auch der Friede ist beunruhigend. Nicht nur wegen des Gestern, das uns nicht verlassen will, sondern auch wegen des Heute, wegen des jetzigen Arbeitskampfes und weil man nicht weiß, was jenseits der Hügel von Tel-Chalom lebt und webt. Sind's gute Leute oder gar böse? Dieser Abu Abdullah und seine Brüder sind unsere geschworenen Feinde. Wir wissen nie, wo er haust, von wo er kommt. Siehe da! Plötzlich überfällt er uns bei der Arbeit. Jetzt hat er auch schon Gefährten. — Dieser ist Ibn Mehmed — sagt er weitschallend — cm Verwandter des großen Scheiks, sein Name ist Jussuf. Der ist Abd-ur Rahman, ein Nachkomme jenes wundertätigen Magiers Ali Ibn Abbas el Madschusi. Wir verbeugen uns, die Gäste nicken auch; ihre weißen F.scl mit. Auch ihre langen Flinten. Als beugten sie sich mit starrem Hohn über uns. \ GRETE WOLF-KRAKAUER Univ.-Professor Dr. S. EHRMANN in mir, ich habe Ich schaue zu , doch sein Wort Ge- - Was willst du? — fragt Ujitschka sanft. - Was wollt ihr? — fragt Ezekiel hart. Theodor Song, der ältere der zwei Brüder, sagt, schon erregt, nur soviel: — Nun! Die Erregung steckt an. Zebuion, der einen Felsen schleppt, dessen er sich eben entladen will, wirft ihn nicht nieder. Er tritt drohend vorwärts. Und wieder sind wir alle beisammen. — Was wir wollen? — schreit Abu Abdullah. — Nichts. Wir wollen euch nur begrüßen. Schaut nur, sage ich mir selbst und alles lacht i seit jeher gewußt, daß sie unsere Brüder sind. Ujitschka, dessen scharfes Gesicht unverändert ist, ist noch milder, als vorhin: — Darum seid ihr gekommen? Er spricht, als wollte er seinen Patienten ausfragen. Da sieht des Arabers wird verstockter. — Ich bringe die Botschaft des großen Scheiks. — So! — ruft Theodor Song heftig und spöttisch und die Leute treten vorwärts. Ujitschka ist noch immer ruhig: — Laß sie hören. Der Araber richtet sich auf seinem noch brauner. —■ Der Scheik läßt euch berichte Vögel der Fellahs vertreibt, den werden schnäbhgen Eisenvögeln vertreiben. Und beim Worte „Eisenvögel" schüttelt er seine Flinte. Wir begreifen die bilderreiche Sprache, die er führt: Wenn wilden Sumpf austrocknen und die Wasservögel vertreiben, fallen sie über uns mit ihren Gewehren her. Theodor Song greift in seine rückwärtige Tasche, nimmt seine handliche Pistole und spricht mit verbissenem Zorn in der Sprache Abu Abdullahs: - So werden wir sehen, was stärker ist. Der Vogel mit dem langen Schnabel oder der mit dem kurzen. Ese W. 1 auf, cht ist die langschnäbligen die Fellahs mit lang-