Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1925)
- Article
- Der Traumsiedler
- Date
- 1925-12-01
- Page
- Seite 262 (sequence 2)
- Language
- German
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262 M E N O R A H GRETE WOLF-KRAKAUER i\vW> AUSSICHT VOM GMUNDNER BERG Es wird die Felder der zwei Kalifornier und Zriels durchkreuzen und die Siedlungen Alfieris und Zebuions streifen. Die zwei Brüder haben Korn gesät, Zriel — Mais, Aineri — Weizen, Zebuion — Sezam. Ich — Reis. Nachdem es die Tiefebene begießt, erreicht das Wasser die Siedlung der Amazonen, zuletzt meine. Nachmen, Aaron und der Litauer haben ihre Kolonien links, abseits vom Wege; ehe die Ader sie erreicht, muß sie sich wenden, um sich in den Fluß zu stürzen. Wie schade! Hätten wir doch den oberen Hügel durchschnitten! Die Arbeit wäre zwar größer gewesen, aber man hätte es dennoch dort anfangen sollen. Mir tut das so weh, als wäre ich mir eines Betruges bewußt. Ich wage kaum die Betroffenen anzusehen. Wie mich die Wunde an Aarons Leib und das breite Pogrommesser unter Nachmens Schulter anklagt! Das Blut, das ihren Adern entströmte, wird jetzt bloß fremde Saaten befruchten. Diese Ader ist vor allem i h r eigen. Wir müssen ein Bett aushöhlen und das Wasser auch zu ihnen leiten. Ezekiels Siedlung ist hart daneben. Wir wollen allen arbeitsfrohen Brüdern die ersehnte Feuchtigkeit gönnen. Wie wohl die Arbeit tut! Wie gut es ist, die Müdigkeit zu fühlen! Eine Wonne ist diese Müdigkeit! Befreiung! Hier sind wir alle Menschen, bisnun aber waren wir nur Ausgestoßene, Knechte und Marionetten einer herzlosen Welt. Grausamen Kindern dienten wir zum Spielzeug und sie wühlten in unseren blutenden Eingeweiden . . . Ehe die Nacht herniederfällt — hier fällt sie auf einmal hernieder wie ein Ungewitter — vernimmt man ein Gesumme aus einem Arbeitswinkel. Wer summt da? Der einäugige Litauer? Der Bruder aus Kalifornien? Aaron? Oder ein Mädchen? Nein, es ist die Stimme eines Mannes. Nachmen summt. Der schweigsame Greisler, der früher so viel zu schwatzen pflegte, bevor ihm das Messer unter die Rippen glitt. Er summt irgend einen Psalm. Einen tausendjährigen Text mit slawisch wehmütiger Ghettomelodie. Ein Sabbathlied, wer kennt es? Ich kenne es nicht, aber Zriel kennt es. Er summt es mit. Aaron räuspert sich bereits auch, der Litauer summt die Worte nach. In meinem Herzen singt es auch schon. Man hört auch Isas kristallfeine Stimme. Und mittendrein eine bittere Mandelstimme, Iljitschka. Auch Dinjuschka trillert und Zebuion und der junge Song. Ezekiel sandig, Alfieri heiß, Basje breit. Der ältere Kalifornier hoch. Alles faßt sich ein Herz und läßt seine Stimme erstarken. Und steigert sie in die Höhe. Dann lassen wir die Traurigkeit erbeben. Und das Lied hüpft wie die Gazelle über Klippen. Zriel springt auf die Beine, legt die Hacke nieder, bohrt eine Hand in den Bart; mit der anderen greift er an seine Stirn und singt, singt; frei und mit Rausch, wie ein Chassid am „Simchat Thora" oder zur Freude des Samstag. Nachmen fühlt sich auch befreit. Aaron und der Litauer jauchzen aus sich die Trunkenheit der Arbeitsfreude in die Welt, Alfieri läßt seine flötende Kopfstimme erschallen, die Mädchen fallen mit hohen Tönen ein. Alle heben ihre Stimme. Zriel schlägt dem Litauer auf die Schulter und tanzt. Seine Haare flattern, denn er tanzt einen wilden Bockstanz. Aaron packt den Litauer; der tanzt auch schon. Nachmen gesellt sich zu ihnen und tanzt mit. Zebuion und der rasierte Iljitschka folgen. Ich selber kann mich auch des Dranges nicht mehr erwehren. Es ist ein anderer Tanz als der Reigen der Kinder. Das ist der Kindertanz der Erwachsenen. Ob Schönheit daran ist? Vielleicht nur Ungestüm und Ekstase. Auch die magere Isa tanzt und Dinjuschka, Basje, der Kapländer, die zwei Kalifornier und der hoch aufgeschossene Aineri. Und die Sterne droben schauen vom Himmel herunter und tanzen mit uns. Vielleicht singen sie auch, daß Brüder einander gefunden haben und nebeneinander arbeilen. Die Arbeit geht morgen oder übermorgen zu Ende; dann wird belebendes Naß die Erde durchdringen wie das Blut den Körper. VI. DIE BOTSCHAFT DES SCHEIKS. Tel-Chalom, Tag der Unruhe. Gestern haben wir den Tag mit Tanz beschlossen, heute fangen wir ihn mit Schweigen an. Gestern faßten uns Arbeit und Frohsinn zusammen, heute arbeiten wir und starren vor uns hin. Jedermann für sich. Die Freude war also verfrüht: wir sind noch weit vom Ziel. Es bedarf nicht bloß einiger Tage, sondern einer ganzen Woche, wenn nicht mehr. Unwille regt sich in uns. Wir stehen nebeneinander, allzumal Brüder und doch so scheinbar einander fremd. Jeder lebt sein eigenes kleines Leben. Ich beschäftige mich in Gedanken mit Zeltchen, den Ziegen, den Kindern und Beracha; mit den Pflanzen und dem Reis. Während ich hier bin, was geht daheim vor? Wie ist es um den Garten und die Saat bestellt? Man vermißt mich sicherlich. Ist meine Arbeit hier so viel wert? Wie, wenn die abgelenkte Wasserader mein Feld gar nicht erreichen sollte?! Das Feld Aarons, des Litauers und das Grundstück Nachmens kümmern mich jetzt herzlich wenig. Meine Kolonie, mein Haus, mein Vieh — sie haben mich hergebracht und sie halten mich hier zurück; sie, nur sie befehlen meinen Muskeln, meinen Armen und meinen Werkzeugen. Und ich fühle, daß es mit den anderen dieselbe Bewandtnis hat. Wären wir am Ende keine