Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 11 (November 1925)
- Article
- Unsere Mutter
- Date
- 1925-11-01
- Page
- Seite 246 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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24b M E N O R A H ren entschloß, nach Amerika auszuwandern. Mutter, die die personifizierte Energie war. stand ihnen hilfreich bei, besorgte das Einpacken, die Beförderung des Gepäcks, die hahrkarten, kurz alles für die schwergeprüfte Frau und begleitete sie zum Schluß noch über che Grenze, um ihr bei den Zollschwiengkeiten beizustehen. Mutter hatte damals, wie fast immer, ein kleines Kind an der Brust, das sie für einen halben Tag verlassen mußte, aber sie konnte nicht anders. Als sie zurückkehrte — um fünf Uhr früh war sie aufgebrochen, um halb drei sollte sie wieder zu Hause sein —■ war der Zug in Dz. gerade im Begriff, aus der Halle zu dampfen. Da ließ der Stationsvorstand den Zug noch ein paar Sekunden halten, so daß Mutter noch hinein konnte. Der Stationsvorstand sagte damals, der dankbare Blick aus ihren schönen Augen sei ihm reicher Lohn gewesen. Mutter wußte nicht nur mit scharfem Verstünde zu unterscheiden, avo wirkliche Not vorlag und wo sie geheuchelt wurde, sondern sie hatte einen feinen Instinkt, der sie nie'' fehlgehen ließ. Ich habe erwähnt, daß die Eltern zuweilen des Abends mit Freunden in einem Restaurant zusammentrafen. Der Inhaber de.- Restaurants pflegte sich mit seiner Frau für ein Weilchen an den Honoratiorentisch zu setzen und auch ein Glas Bier zu trinken. Eines Abends lehnte sich die Frau Wirtin in ihren Sessel zurück und flüsterte: „Mir wird so übel!" Man brachte sie in das Nebenzimmer, flößte ihr etwas Kognak ein, den sie gierig trank. Dann begab sie sich zu Bette. Eine der Damen bedauerte sie mit einem Übermaß von Worten, eine andere stimmte ihr zu, Mutter schwieg. ,,1 ut sie dir denn nicht auch leid, Klara?" fragte die eine. ,.Offen gestanden, nein," antwortete Mutler, „denn ich glaube nicht, daß sie Magenkrämpfe hatte. Und weißt du warum, Hanni? Weil ich sie nicht auch gespürt habe. Du wirst es als eine Überhebung betrachten, aber ich versichere dir, daß ich, wenn ich einen Menschen leiden sehe, sofort den gleichen Schmerz fühle, ob es nun Zahn- oder Magen- oder andere Schmerzen sind. Und heute habe ich nichts davon gespürt." Mutter brachte das so schlicht vor, daß niemand auf den Gedanken kam, es sei eine Einbildung von ihr; che Damen starrten sie nur ungläubig, erstaunt an. Tatsächlich s eilte sich später heraus, daß die K. immer Schmerzen vorschützte, wenn sie einen Kognak trinken wollte; noch später nahm sie sich nicht mehr die Mühe, erst Magenkrämpfe zu heucheln. Dieses Wort Mutters ist in unserem Kreise ein geflügeltes geworden, und gar oft bin ich in die Lage gekommen, es zu erzählen . . . 7. Kapitel MUTTER AUF REISEN „Ich kann keinen Koffer seilen, ohne daß mir die Lust zum Reisen kommt", pflegic sie zu sagen: doch so gern sie reiste, sie trennte sich so schwer von ihrem Flause, daß sie nur im Notfalle eine Reise unternahm. Aber wie genoß sie alles Schöne auf Reisen! Im Sommer I 894 folgte Mutter der Einladung eines befreundeten jungen Ehepaares nach Paris und an die See; Schwester Jenny begleitete sie. Schon von unterwegs — mein Mann fuhr mit, weil er nach England mußte, und zeigte ihr Zürich — schrieb sie begeisterte Briefe; als sie. - zum ersten Male — das Meer sah, kannte ihr Entzücken keine Grenzen. Damals schreibt sie: Meine teuern Kinder! Ich betrachte mich als eine doppelte Sünderin, 1 . daß ich überhaupt so viel genieße, ohne daß Ihr alle dabei seid, 2. weil ich die letzten drei Tage nur Karten geschrieben habe. Seid aber versichert, daß es mir unmöglich war, ausführlich zu sein, und daß ich immerfort an Euch gedacht habe. Wic soll ich Euch nur beschreiben, wie schön ich diese drei Tage verlebt habe! Ich begreife nur eines nicht: daß ich noch immer mein vergilbtes Gesicht habe. Als ich heute in den Spiegel sah, erwartete ich ein junges Gesicht zu sehen. Wir waren also bis zum 23. in Paris, wo sich die guten H—s unbeschreiblich viel Mühe gaben, uns die Herrlichkeiten dieser Stadt zu zeigen. Wir machten auch mehrere angenehme Bekanntschaften, darunter die eines jungen Apothekers, ein schöner, liebenswürdiger Mann, der es mir angetan hat. Er spricht nämlich nicht fließend deutsch, und das ist so drollig und gefällt mir so gut, und dann heimelt es mich an, wenn er — er stammt aus einer guten jüdischen Familie in Rumänien — zuweilen jüdische Aussprüche von sich hören läßt. Montag früh fuhren wir an die See. Um Euch die Herrlichkeit zu schildern, müßte ich ein ganzes Buch schreiben. Alle Vorstellungen sind Null gegen die Wirklichkeit. Ich hielt mich für abgestumpft und unempfänglich, aber diese Herrlichkeit! Ich habe das Meer vor Augen, während ich schreibe, und die Tränen treten mir in die Augen, und ich muß dem I. Gott fort und fort danken, daß mir ein solcher Anblick vergönnt ward. Und das wundervolle Bad in der See! Ach Gotl, könnte ich doch alle meine Kinder um mich haben! Ich bin wie berauscht. Vom 1. Vater aus Karlsbad gl. gute Nachrichten; die Kur behagt ihm; dazu die guten Berichte aus Neumarkt*) und ein lieber Brief von Moritz, der mir schreibt, er wird seinen Urlaub wahrscheinlich benützen, {*) Dort liefaml sich na«;li einer .schweren Erkrankung, von der er leider nielit mehr genesen sollte, mein Schwager Dr. S. W. mit Fr.-.u (Henrielte) und Kind. C H A C H Noch annebst Di 2. Geleitel von Richard Reti Diesmal bringen wir etwas für Freunde des leichteren Genres: Simultanpartien, die der Redakteur dieser Rubrik, während seiner letzten Tournee in der Tschechoslowakei gespielt hat. Weil.?: Munes Schwarz: Reti Aus einer Simultanvoistellung in Zwolen. Der Führer der weißen Steine war Teilnehmer am HauptUirnier zu Bratislava. besten. Auf Ke3 folgt Df4 24...... 25. Ke2-e 1 26. Ld3Xfl Aufgegeben. Dh2Xg2 - Tf8-f 1 + Dg2 Xc2 1. Sgl - f 3 Sb8 - c 6 2. d2 d4 c7 - e6 3. c2 - - c4 f 7 - f5 4. Sb 1 c3 S-8 (6 5. e2 - e3 L(8 - b4 6. Lc 1 d2 0 — 0 7. LH - d3 b7 b6 8. 0- 0 Lc8 — b7 9. Ddl c2 Dd8 - e8 10. Tf 1 e 1 Weiß gibt die Idee, e 3 — e 4 zu spielen, bald auf. Besser war sofort 10. Tdl, um d4 — cl 5 durchzusetzen. 10 De« - h 5 11. Sc3 -e2 Lb4 X d 2 12. Dc2 X d2 Sf 6 — e4 13. Dd2 - c2 Sc 6 - e7 14. Se2 -- f4 Dh5 - h6 15. Te 1 d 1 g7 _g5 16. Sf 4 - e2 g5 -g4 1 7. Sf 3 - e 1 Sc 4 X f2! Schwarz erhält für den Springer zwei Bauern und starken Angriff, die weißen Figuren am Damenflügel stehen ungeschickt zur Veiteidigung des Königsflügels. Daher dürfte das Opfer wohl berechtigt sein. Kgl Sc 2 ' f2 Dh6Xh2 Danach geht es zwingend zu Ende. Besser war 19. Sf4, worauf Schwarz den Angriff mit Sg6 fortgesetzt hätte. 19. . . . 20. c3- 21. Sei 22. Sgl . 23. Kf2 , 24. Kf3 e4 f3 (3 f 3 f5 - f4 g4 >- Tiö > Ta8 (4 f 3 f3 f3 - f8 Die folgende Partie stammt aus einem Simultanspiel von nur 8 Partien gegen ausgewählte starke Spieler des Brünner Schachklubs. Der Führer der Schwarzen, der die Partie so glänzend gewann, ist dem Schachpublikum durch seine Teilnahme am Ostraucr internationalen Meisterturnier wohlbekannt. Weiß: Reti Schwa 1. e2 e4 2. Sgl -f3 3. Lf 1 b5 e7 Sb8 (7 f5 Pokorny 5 Eine ungünstige Verteidigung des Ruy Lopez, welche Pokorny jedoch gerne spielt und genau kennt. 4. Sb 1 — c3 5. Sc3Xe4 6. S13Xe5 7. Dd 1 -h5 + f5Xe4 d7-d5 d 5 Xe4 Dies ist bereits der entscheidende Fehler. Es mußte d 5 X c 6 geschehen, worauf Schwarz mit Dg5 fortsetzen wollte. 7...... g7-g6 8. Se5 X g6 h7X g6 9. Dh5 Xh8 Dd8 - - f6ü Von hier bis zum Schluß spielt Schwarz überaus glänzend. 10. Dh8 X g8 Lc8 —e6 11. Dg8h7 0-0-0 12. Lb5 X c6 b7Xc6 13. 0 0 Td8 - d7 14. Dh7X d7 + Kc8Xd7 15. d2d3 e4 X d3 16. c2 X d3 Lf8 d6 1 7. Tfl - el Lc6-d5 18. Lc 1 - e3 Ld6Xh2 +! Aufgegeben. Auf 19. K X h 2, Dh4-f 20. Kgl Dg4 ist baldiges Matt nicht zu parieren.