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Menorah · 1925-11-01 · Heft 11 (November 1925) · p. Seite 245

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 11 (November 1925)
Article
Unsere Mutter
Date
1925-11-01
Page
Seite 245 (sequence 1)
Language
German
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M F NORA H '245 jT 7$ Unsere Mutter Von A. K. (7. Fortset/unif.) Noch vor dem Tode ihres Bruders Osias nahm Mutter ihre Nichte Klara zu sich ins Haus. Darüber berichtete sie folgendermaßen an Rosa: ,.Liebes Roserle, Du beklagst dich, daß ich noch zu wenig schreibe. Mein liebes Kind, die Sorgen nehmen zu mit jedem Zoll, eleu die Mädel wachsen! Immer wieder denke ich an eine Existenz für sie, und das raubt mir die Ruh'. In die Fremde gebe ich keine Tochter, solange ich Brot für sie habe, aber was soll das Ende sein? Unter solchen Verhältnissen — schließlich habe ich doch auch die Leitung eines großen Geschäftes inne — kann ich nicht noch öfter schreiben. Jetzt ist auch die Klara schon da, und ich habe zu meinen fünf Töchtern eine sechste. Ich will deine Neugierde befriedige:! und sie dir kurz schildern. Sie ist nicht schön, aber ganz hübsch, sie ist nicht besonders geistreich, aber auch nicht dumm, ein ruhiges, bescheidenes Geschöpf. Gelernt hat sie natürlich fast gar nichts. Von Neujahr ab will ich sie für halbe Tage in die Nähschule schicken und ihr eine deutsche Stunde geben lassen. Du kennst meine Ansicht: ein solches Mädchen kann man in ihrer Heimat, in Rußland, mit einer Mitgift von paar tausend Gulden leicht verheiraten, bei uns mit der doppelten Mitgift schwer. Aber ich konnte doch nicht anders, ick mußte das mutterlose Geschöpf zu mir nehmen. — Genug für heute. Herzlichst deine treue Mutter Klara." Aber nicht nur der eigenen Familie stand sie nach Kräften bei; sie tat, was in ihrer Macht stand für Freunde, sogar für Freunde dieser Freunde. Ein Fall von vielen. Minna, che älteste der vier jüngsten Schwestern, hatte eine intime Freundin von Kindesbeinen an, ein sanftes, liebes Geschöpf. Ihre Mutter wurde mit zwanzig Jahren Witwe und ernährte seither sich und ihre beiden Mädchen, trotzdem sie einer vornehmen und reichen Familie angehörte, schlecht und recht, indem sie für die Bräute der reichen Fabrikanten in B. Ausstattungen und Weihnachtsgeschenke anfertigte. Mehrere Brüder waren angesehene Tuchfabrikanten in B.; der eine galt für einen Millionär und halte keine Kinder. Ich will durchaus nicht behaupten, daß er seine Schwester und auch andere Familienmitglieder nicht unterstützte; aber es kommt immer darauf an, wie man hilft. Minna war schon viele Jahre verheiratet, die Freundin half ihrer Mutter beim Nähen und Sticken. Sie halte einen und den andern Heiratsantrag, aber sie hätte eine kleine Mitgift und eine Aussteuer haben müssen, und die waren nicht vorhanden. So oft die Mutter sich an den reichen Bruder wendete, war er gegen die Fleirat. „Denk' dran, wie du mit zwei Kindern auf dem Trockenen sitzengeblieben bist", ermahnte er sie immer wieder. Nach seiner Ansicht durften nur reiche Leute eine Familie gründen. Da kam ein hoher Bahnbeamter aus Wien zu Besuch in die Heimat. Er war Witwer und hätte gern wieder geheiratet, schon nur, um seinem Töchterchen wieder eine Mutter zu geben. Er kannte Minnas Freundin, und sie gefiel ihm. Aber er war nur ein Beamter, und er hätte, um neuerdings einen Hausstand zu begründen, die Ersparnisse angreifen müssen, die er als Mitgift für seine Tochter be stimmt hatte — so zögerte der reife Mann noch, der sehr wohl wußte, daß seine Auserkorene nichts besaß, ja, daß er mit der neuen Verwandtschaft, Schwiegermutter und Schwägerin, gewissermaßen neue Pflichten auf sich nehmen müßte. Da nahm unsere Mutter das Schicksal unserer Freundin in die Hand. Sie widmete sich ganz dieser Aufgabe, schrieb an che entfernteren, besuchte die reichen Verwandten in B., suchte alle Leute auf, die einen Einfluß hatten aul den kinderlosen reichen Fabrikanten. Ich war damals bei ihr zu Besuch, und ich sah, wie sie sich mit Leib und Seele für das gute Werk einsetzte. Brauche ich erst zu sagen, daß es ihr gelang? Der reiche Onkel mußte herhalten, Minnas Freundin bekam eine Mitgift und wurde ein paar Wochen später die Frau des Oberinspektors; wenn sie nachher zu Besuch nach B. kam. fuhr sie erster Klasse, und sie blühte auf. Mutters Freude am Wohltun war ungeheuer; sie bedauerte immer nur. nicht mehr tun zu können. Da war eine arme Öbstlerin, der sie auf ihr ehrliches Gesicht hin fünfundzwanzig Gulden lieh; am Freitag brachte sie unsäglich dankbar das Geld zurück, mit dem sie sich und ihre zwei Kinder die ganze Woche hindurch anständig ernährt hatte, wie sie sagte. Mutter sah sie gütig an — darauf fragte sie, ob sie die fünfundzwanzig Gulden nicht auch für die nächste Woche behalten könnte. Selbstverständlich erhielt sie sie, und so ging es viele Monate hindurch, vielleicht Jahre — wir Kinder wetteten immer, ob sie auch diesmal am Freitag mit dem Geld kommen oder endlich ausbleiben würde. Es gab keinen Hauslehrer, der ohne Jause, keinen Klavierstimmer, der ohne Gabelfrühstück, keinen Armen, der ohne Almosen, keine Geflügelhändlerin, die ohne ihren Topf heißen Kaflees, keinen Entblößten, der ohne ein Kleidungsstück, keinen TrostbedürlIlgen, der ohne einen guten Rat von Mutters Tür weggegangen wäre. Wir wohnten in ziemlich christlicher Umgebung. Zwei Häuser von uns entfernt hatte ein Tischler seine Werkstätte, ein braver, fleißiger Mann, der sich recht und schlecht ernährte, denn er hatte als Geselle geheiratet und besaß gar kein Betriebskapital. Mutter protegierte ihn, denn als Nachbarin sah sie, wie unermüdlich und emsig der Mann arbeitete, wie seine Frau ihn darin unterstützte. Übrigens sagte er meiner Mutter lachend, der liebe Herrgott wisse schon, was er tue: er habe eine so leichte Hand, daß er viel Geld ausgeben würde, wenn fies hätte. Da machte er eine Erbschaft von zweitausend Gulden. Das war sein Verhängnis. Er begann Wirtshäuser zu besuchen, Karten zu spielen, blauen Montag zu machen; die Kunden blieben aus. Vergebens warnte ihn Mutter vor dem Ruin, der ihm bevorstand. L!ncl mit aufrichtigem Bedauern sagte sie uns einmal, als er nicht kommen konnte, weil er betrunken war, daß er verloren sei, es wäre denn, er würde das Geld rasch los und finge wieder von vorn an. Sie behielt recht. Als das ganze Geld verjubelt war, begann die Ernüchterung de? Mannes und seine Reue, aber auch seine Verzweiflung, denn er glaubte nicht daran, sich noch einmal emporzuraffen. Da half ihm Mutter. Nicht nur streckte sie ihm eine größere Summe vor, "sie redete ihm immer freundlich zu, suchte ihn aufzurichten, indem sie ihm vorhielt, was für ein tüchtiger Arbeiter er immer gewesen sei, und als ihre Chefs einen Umbau des Geschäftes planten, erhielt er von Mutter den Auftrag, das Portal zu bauen, ein Geschäft, das sich auf einige tausend Kronen belief. Dieses Portal, das sehr gut ausfiel, war seine Rettung. Der Mann gewann sein altes Selbstvertrauen und seine alte Heiterkeit wieder. Als wir einmal von einem Spaziergang heimkehrten, meldete uns das Mädchen, es sei ein Herr da gewesen, ein Amerikaner; er hatte seine Karte da gelassen. Mutter dachte nach, dann hellte sich ihr Gesicht auf: ,,Das muß ein Sohn der Frau B. sein, der ich über die Grenze half!" sagte sie erfreut. Der Herr kam am Nachmittag wieder und führte sich mit den Worten ein: Gnädige Frau, ich bin der Sohn Ihrer Freundin, die uns gelehrt hat, Sie jeden Abend in unser Gebet einzuschließen. Ich komme aus Chicago, war in London und Wien und gehe jetzt nach Berlin. Ich bin nach B. gekommen, um Sie aufzusuchen und Ihnen Grüße von meiner Mutter zu bringen. Heute abend muß ich Weiterreisen." Aber er gab einen Tag zu, so sehr fesselte ihn Mutter. Und sie hatte eine Riesenfreude, Vater erzählte uns dann, wie sich die befreundete Familie vor mehr als zwanzig Jah-

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