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Menorah · 1925-11-01 · Heft 11 (November 1925) · p. Seite 241

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 11 (November 1925)
Article
Der Mörder
Date
1925-11-01
Page
Seite 241 (sequence 3)
Language
German
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MENORAH 241 das Spital ging, wie einen körperlichen Schmerz und der Wunsch, ihr zu helfen, durchfuhr mich, aber im nächsten Augenblick dachte ich schon wieder an meine Angelegenheit. Was war mir Nadja, da ich wieder die Möglichkeit sah, auf die ich mein ganzes Leben eingestellt hatte. Wozu mich wieder in Gefahr begeben, mich Gefahren aussetzen, die nicht zu meinem Ziele führen konnten? Das Mitleid in meinem Herzen unierdrückte ich, indem ich mit Macht immer wieder das Bild des Mordes vor meinem Auge aufbaute, und die Liebe zu dem Mädchen hatte ich längst schon getötet, im Keime erstickt, mit kalter Überlegung aus der Überzeugung nüchterner Erwägungen. Und Dankbarkeit? Kann Der dankbar sein, der um seines Hasses willen lebt? So dankbar, um am Ende seinen Haß der Dankbarkeit zum Opfer zu bringen? Das hieße zu viel verlangen von einem einfachen Mann, wie ich es bin. Ich sah Nadja nie wieder." Der Kopf des Sprechers sank auf seine Brust. Erschüttert und ratlos blickten die Richter einander an und der Angeklagte schwieg, ins Leere starrend. Es stand ein Schweifen im Saal, das wie ein drückender Schmerz war. ,Ja, meine Herren Richter", hub er nach einer Weile wieder zu sprechen an. „Ich habe Nadja verlassen, habe sie wahrscheinlich zugrunde gehen lassen. Ich bin nach ihrer Meinung sicherlich ein schlechter, verworfener Mensch — wahrscheinlich ist ihre Ansicht die richtige —, aber ich konnte nicht anders handeln. Ich, der gehetzte Hetzer, der Freude nicht suchte, der selbst die Liebe töten mußte, der nur mit Zufälligkeiten sein I ,eben lang zu rechnen gelernt hatte, er durfte keine Minute, keinen Augenblick ungenützt verstreichen lassen, denn jeder Augenblick konnte einen Zufall ungenützt vorbeigehen lassen oder eine Verzögerung der Ausführung um Jahre und Monate bedeuten. Lhid wenn ich aus der neuen Hoffnung damals auch gestärkt hervorging, fühlte ich dennoch, daß meine Kraft einmal, früheT oder später, erlahmen würde. Und noch eines machte mich unruhig: es kam mir eines Tages der Gedanke, daß Popow sterben könne. Sterben, wie ein anständiger Mensch, durch eine Krankheit oder sonstwie, sterben, ohne Angst vor dem Tode, sterben, ohne meinem Hasse geopfert worden zu sein. Dieser Gedanke verließ mich nicht mehr und trieb mich immer erneut zur Eile an. Kiew brachte eine neue Enttäuschung. Popow war nicht dort. Ehe ich seinen Aufenthalt erfahren konnte, brach die Revolution aus. Sie gab mir nichts und konnte mir nichts geben. Alle Begeisterung der Straße floß an mir herab, als verstünde ich ihre Sprache nicht, die Fahnen der Revolution waren mir leblose rott Lappen, nichts weiter, die Reden in allen Gassen glitten an mir vorbei, als wäre ich taub, und alles Geschehen um mich konnte mich nicht in seine Kreise ziehen. Ich floh die Tasre und verkroch mich in die Nächte und ich sah in ihnen die Bilder des Hasses, die Bilder des vergossenen Blutes, und die seltene Erinnerung an Nadja ward mir immer neuer Stachel, mich in erneute Bewegung zu stürzen, schon um die Gewissensbisse zu übertönen, die mich dann und wann um diese Zeit schmerzhaft ergriffen. Ein tolles, ergebnisloses Suchen hub an. In allen Verkleidungen der Seele, als Aufrührer, als Konterrevolutionär, als Befreier, als Spitzel, in allen Masken des Herzens ging ich durch die Zeit, keiner Bewegung Untertan, nur der einen, einzigen, die ich immer neu in meinem Herzen aufschürte. Da sah ich eines Tages in einem kleinen ukrainischen Städtchen eine Proklamation des Kommandos der Wransrelarmee angeschlagen. Interesselos blieb ich stehen und las die Kundgebung, die irgend etwas von Waffenablieferung und anderen Dingen, die mir ffleichgüllig waren, sagte, doch als ich an den Schluß des Manifestes kam. sträubten sich meine Haare, meine Fäuste ballten sich und ich stieß einen Pfiff der Überraschung aus. Der Zettel trug die Unterschrift: Wladimir Popow, Stabschef der Armee. Die Straßen, die Häuser, die Menschen und Tiere drehten sich vor mir im wirbelnden Kreis. Augenblicklich war die mutlose Stimmung der letzten Monate gewichen und unerhörte Aufregung ließ mich wie toll drei Meilen bis zu den Posten laufen. Einige Stunden später gehörte ich dem Freiwilligenkorps des Räubergenerals an und trug die Uniform der schlimmsten Verbrecher, die Rußlands Erde je getragen hat. VIKTOR TISCHLER KINDERSTUDIE Ich ging durch Schlachten und Gefechte, heil und unversehrt ging ich durch das Feuer aller Höllen, unverzagt ertrug ich die namenlosen Beschwerden dieses Krieges. Stets setzte ich alles daran, ins Stabsquartier zu kommen, doch alle Anstrengungen waren vergeblich. Monatelang marschierten wir hin und her. Hinter unseren Rücken rauchten verglimmende Dörfer und die Leichen der Ermordeten säumten unsere Straßen. Mein Herz ward hart wie ein Stein dieser Straßen. Nie hatte ich die Hand gehoben, meine Brüder zu schützen, ich, einer der wenigen Juden im Heere des Banditenführers, nie hatte ich versucht, zu retten in all den Judenhetzen, an denen meine Abteilung beteiligt war. Alles jüdische Blut, das vor mir versickerte, verhärtete mein Herz immer mehr und jeder tote Bruder, den ich sah, ward neue Stachel in meinem Herzen. Du, mein toter Bruder, ihr, meine erschlagenen Vater, ihr Blutzeugen meines Blutes, euer Tod stärkte den Rächer! Ich konnte ihnen nicht helfen, denn widerstreben der Orgie wahnsinniger Bestien hieße dem Tod des Zerrissenwerdens ins Antlitz blicken. So fiel Blut meiner Brüder auf mich und ich wehrte es nicht ab. Ich zog mit dem Haufen durch verwüstete Dörfer, durch \erwüstetes Land, bis ich eines Tages während eines Gefechtes abgedrängt wurde und nach wochenlangem Umherirren in ein kleines jüdisches Dörfchen kam. Als die Männer mich sahen, mit dem Abzeichen des Judenmörders an meiner Uniform, wichen sie scheu zurück. Die Tore schlössen sich vor mir und nur Drohungen veranlaßten die Kaufleute, mir das Notwendigste zu verkaufen. Sie spien hinter meinem Rücken das Geld an, das ich ihnen gegeben hatte. Ich war zu müde, weiterzuwandern. Hier, bei den Brüdern wollte ich rasten, hier wollte ich warten. Ihre Tore aber wollten sich mir nicht öffnen. So ging ich hin und gab mich ihnen als Jude zu erkennen. ,Ein Jude mit dem Zeichen des Mörders?' riefen sie, als ich gesprochen hatte, .ein Abtrünniger?' Das Schrecklichste geschah nun. Ich wurde aus der Gemeinde der Gerechten ausgestoßen, in aller Form ausgestoßen. Vor der Lade des Gesetzes wurde Cherem über mich verhängt, der Bann wurde verkündet und kundgemacht, daß dem Bann verfällt, wer

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