Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 11 (November 1925)
- Article
- Der Mörder
- Date
- 1925-11-01
- Page
- Seite 240 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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240 MENORAH VIKTOR TISCHLER DAMENBILDNIS nicht!' flüsterte sie. Hätte sich ihre Hand nicht in diesem Augenblick auf meinen Mund gelegt, ich hätte in fassungslosem Erstaunen aufgeschrien. Es war doch Nadja, deren Stimme ich am Vormittage nicht erkannt hatte, es war Nadja, die neben mir saß. Ja, ich bin es', flüsterte sie wieder. ,Aber sprich nicht. Es ist alles verloren, wenn .man uns hört.' Sie hockte auf dem Boden, knapp beim Bett, und ihre Hand strich über meinen Kopf. ,Chaim, höre mich: ich bin hier und es wird alles wieder gut werden, du bist einer Gefahr entgangen Erstaunt, unfähig, mein Erstaunen zu unterdrücken, hörte ich zu. Wie kommt diese Frau hieher? fragte ich mich. Plötzlich erinnerte ich mich an die Szene in ihrem Zimmer, ehe ich sie verlassen hatte. Nun will sie wohl Rache nehmen für den Verrat, dachte ich, doch, als hätte sie meine Gedanken gefühlt, setzte sie ihr Flüstern fort, das ich durch die heftige Bewegung meines Erstaunens unterbrochen hatte. ,Chaim,' sagte sie, ,ich liebe dich wie immer. Ich glaube nicht an das, was du mir damals sagtest. Ich glaube nicht, daß du mich verrietest. Und wenn es auch wahr wäre, was tut es? Es ist mein Schicksal, daß ich dich liebe und gegen sein Schicksal kann man nicht ankämpfen.' Ich wollte ihr antworten, aber ich konnte keine Gedanken fassen. Wirr lag alles in meinem Kopf und eine grenzenlose Gleichgültigkeit hatte von mir Besitz ergriffen. Nur ein Wunsch keimte in mir auf: Wie kann ich dieser Frau begreiflich machen, daß ich der Liebe unfähig bin. Doch da verriet ich sie zum zweitenmal: ich sah wieder in ihr das Instrument meines Hasses und statt ihr zu sagen, was ich dachte, verbarg ich meine Gedanken in meiner Brust und streichelte schweigend ihre Hand. Sie drückte ihren Kopf auf meinen Polster und ihr unterdrücktes Stöhnen war wie ein Aufjubeln. Mitleid kam über mich. Ich drückte ihren Kopf an meine Wange. Leise begann sie zu erzählen: Nach meinem Verschwinden sei sie verzweifelt durch die Straßen der Stadt gelaufen und habe mich gesucht. Als sie mich nicht fand, fuhr sie nach Kiew, um dort mich zu suchen. Da hörte sie von einem Genossen, der mich gesehen hatte, daß ich Soldat geworden und schon an die Front geschickt worden sei. Da sie keine andere Möglichkeit sah, an die Front zu kommen, meldete sie sich als freiwillige Krankenpflegerin. Vergeblich stand sie Tag und Nacht in all dem Jammer und Entsetzen, es gelang ihr nicht, in die Nähe meines Regiments zu kommen. Schon hatte sie alle Hoffnungen aufgegeben, da trat eines Tages der unerhörte Zufall ein: unter hundert Soldaten hatte sie mich entdeckt. Zitternd war sie auf eine Bank gesunken. Dann hatte sie es so eingerichtet, daß sie der Partie, der ich zugehörte, zugewiesen wurde, doch im letzten Augenblicke wurde sie in den Operationssaal kommandiert und fand keine Gelegenheit mehr, sich mir zu nähern. Als sie nun auf der Operationstafel meinen Namen las, erkannte sie augenblicklich die Gefahr, die mir drohte, denn sie wußte, daß der Assistent, dessen heimtückischer Blick mir aufgefallen war, Mitglied der Ochrana war. Umsonst suchte sie einen Weg zur Flucht; sie fand keinen Weg zur Rettung. So kam der Tag der Operation. In fieberhafter Aufregung stand sie schon zeitlich morgens im Operationssaal, sinnlos beschäftigten sich ihre Hände mit den Dingen, ihre Gedanken aber waren bei mir. Man brachte mich in den Saal. Ich sah sie nicht, denn ich war zu stark mit meinen Gedanken beschäftigt. Schon lag ich auf dem Tisch, schon lag die Maske auf meinem Gesicht, die Ärzte standen an den Waschtischen, schon rief der Chirurg, man möge die Instrumente aus dem Sterilisierofen nehmen, ein Befehl, der ihr, der Operationsschwester galt, schon sah sie das Unheil in bluterstarrender Nähe, schon kroch der stechende Blick des Assistenten heran, da erblickte sie ein Fläschchen Schwefelsäure auf dem Fensterbrett und ein rettender Gedanke durchfuhr sie blitzhaft. Wie im Traume ergriff sie die Flasche und mit einem gut gespielten Schrei des Erschreckens ließ sie die Flasche auf meine Brust fallen, gerade auf die beiden verräterischen Buchstaben. Ich fühlte nichts mehr, denn die gütigen Geister der Narkose hatten mich bereits ergriffen. Das trockene Lachen des Assistenten schnitt ihr ins Herz, als sie ihr Mißgeschick entschuldigte, ein inneres Frohlocken aber schwebte in ihr, als ein Blick ihr sagte, daß eine breite, rotgebrannte Fläche an der Stelle der Zeichnung meine Brust bedeckte. Mit Aufbietung aller Kräfte hatte sie die Instrumente gereicht, wie an jedem Tag. Ich fand kein Wort, als sie die Erzählung beendet hatte. Voll Dankbarkeit küßte ich ihre Hand. Allmählich heilte die Wunde und allnächtlich kam Nadja an mein Bett. Treu und ergeben saß sie vor mir und hielt schweigend meine Hand umfangen. In mir aber war wieder die alte Unruhe. Ich dachte nicht an Nadja, nicht an die Umwelt, mein Ziel, das ich allein vor mir sah, war wieder der Mann, den ich verfolgte. Die Nachricht einer Nacht brachte meine Seele in Aufruhr. Popow sei aus dem Felde zurückgegangen, berichtete mir Nadja, und sei mit den Resten seines Regiments in Kiew. Da erfaßte mich neuer Mut. Meine Wunde war beinahe vernarbt und ich wußte, daß ich in wenigen Tagen zu meinem Regiment zurückkehren würde. Dieses Mal sagte ich mir, würde ich zum Ziele kommen. Kein anderer Gedanken konnte mich auch nur einen Augenblick lang fesseln. Mit geringer Aufmerksamkeit hörte ich Nadjas Worten zu. So bewegte es mich nicht sonderlich, als sie mir berichtete, sie fürchte, entdeckt zu werden. Der Assistent stelle ihr seit einiger Zeit nach und sie glaube aus seinem Gehaben zu erkennen, daß er von ihrer Vergangenheit wisse oder sie zumindest ahne. Sie bat mich um Rat. Sie wolle sich nicht verhaften lassen, ihr Leben sei ihr nun, da sie mich wieder gefunden hätte, so lieb wie nie. Ich beruhigte sie mit ein paar oberflächlichen Worten. Am nächsten Morgen wurde sie verhaftet und ins Gefängnis gebracht. Einen Augenblick fühlte ich die Nachricht, die durch