Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1925-11-01 · Heft 11 (November 1925) · p. Seite 242

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 11 (November 1925)
Article
Der Mörder
Date
1925-11-01
Page
Seite 242 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2912821-2912840-2912851-2916443--02426-2916518
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

242 MENORAH mir die Hand reiche, wer mit mir esse, wer mit mir spreche oder mir helfe, selbst wenn ich in Lebensgefahr wäre. Ein Toter, ging ich unter den Lebenden. Ausgestoßen aus der Gemeinde der Liebenden schon im Frühling meines Lebens, gehetzt und müde, freudlos und verbittert, wurde ich nun auch aus der Gemeinde des Volkes gestoßen, ein Unreiner, a\is der Gesellschaft der Reinen verbannt. Allein stand ich nun, der ich stets allein sein wollte, aber jetzt trat dieses Alleinsein in mein Bewußtsein wie der Tod in die Hoffnung der Lebenden. Ein verjagter Hund, verließ ich bei Nacht den Ort. Flüche und Steine folgten mir. Unter einem Baum brach ich nieder, selbst ein gefällter Baum, und ich weinte aus der tiefsten Erschütterung meiner grenzenlosen Verzweiflung. Damals weinte ich zum zweitenmale seit meiner Kindheit." „Warum haben Sie sich damals nicht getötet?" unterbrach der Vorsitzende kühl und gelassen den Angeklagten, als handle es sich um Selbstverständliches. „Weil ich leben mußte!" schrie Feinberg auf. „Weil ich kein lebender Mensch war, kein fühlender Mensch, der über sein Leben verfügen konnte, wie er wollte, sondern nur Instrument der Rache, Instrument des gerechten Weltsinns, der nicht sterben kann, ehe er seine Vollendung erreicht hat. Einfach weil ich kein Verfügungsrecht über mich hatte, keine Verfügungsmacht. Sklave war ich einem Herrn, der keinen andern neben sich duldet, Sklave dem Haß, dem gewaltigen, alles unterwerfenden Haß . . . Dann kam der Zusammenbruch der Wrangelarmee. Ich wurde aufgegriffen und hieher nach Konstantinopel gebracht. In den Baracken in Sirkedji wohnte ich, Soldat des dritten Bataillons, Nummer im Heere des Banditen, Tier unter Tieren, aber stets bedacht meiner Sendung. Ich wagte nicht zu den Juden zu gehen. Unter den tausend Flüchtlingen» die diese Stadt beherbergt, hätte vielleicht einer mich erkannt. Ich wagte nicht, zu den Guten zu gehen, denn sie hätten mich als Schlechten erkannt, und keiner hätte erfaßt, daß ich nur äußerlich ein Mensch bin, nur äußerlich ihnen gleiche. Ich trieb mich tagelang im Basar von Stambul herum und ging abwesenden Geistes die Perastraße hinauf und hinunter, bis ich eines Tages den Gesuchten vor dem Tocatlianhotel stehen sah. Es trat eine rote Wand vor mich, ein Blutschleier fiel vor meine Augen. Instinktiv griff ich nach dem Gürtel, aber das Bajonett hatte man uns wilden Tieren abgenommen. Ich ging in den Basar und kaufte dieses Messer, das hier vor ihnen liegt. Bald hatte ich erfahren, wo der Offizier wohnte. Mehrere Tage lang beobachtete ich seine Gewohnheiten. Ich mußte mit der Ausführung meiner Tat mehr als eine Woche warten, denn er lag den größten Teil dieser Tage im Bett. Wie ich erfuhr, litt er an einer unheilbaren Krankheit, die ihn Woche für Woche unter gräßlichen Schmerzen hinwarf. . . Tiefe Ruhe, kalte Überlegung und völlige Zielsicherheit war in mir. Als sich endlich mir die Gelegenheit bot, kaufte ich mir für mein letztes Geld reine Wäsche, ging in ein Bad und bereitete mich, als ginge ich zu einer Hochzeit. Gegen Abend betrat ich das Haus. Der Offizier kam mir mühselig entgegen und fragte mich, was ich wünsche. Er wußte nicht, daß ich ein Soldat seiner Armee sei, denn ich trug Kleider eines anständigen Menschen. Seine Frage machte mich fassungslos, denn es schien mir im Augenblick unbegreiflich, daß er nicht wußte, um was es sich handle, daß er ja eigentlich keine Ahnung von meiner Existenz habe. ,Ich muß sie sprechen,' sagte ich, ,in einer dringenden Angelegenheit muß ich Sie sprechen.' ,Gut, kommen sie herein,' antwortete er und sein mißtrauischer Blick ließ keine meiner Bewegungen unbeachtet. Ich erinnere mich nicht mehr, was ich dann sprach. Es ist ja auch gleichgültig. Ein Wort rief das andere und miteinem schrie ich ihm ins Gesicht: ,Du hast meinen Vater getötet, deine Hände waren rot vom Blut meiner Mutter, vom Blut meiner Schwester, du tolles Tier, ich muß dich endlich töten . . . ich, der ich dich verfolge durch alle die Jahre meines Lebens, seit deiner Tat!' Da sah ich wie sein Gesicht sich plötzlich veränderte. Erinnern trat in seinen Blick. Nun erinnerte er sich der ihm kleinen, mir eo unendlich großen Angelegenheit. ,Du mußt sterben, du mußt sterben!' sagte ich ganz ruhig und griff nach dem Messer in meiner Tasche. ,Lassen sie mich,' begann er plötzlich zu winseln, ,ich bin ein kranker, von Schmerzen geplagter Mann, der sein Leben verflucht ,Sei verflucht!' unterbrach ich ihn und machte einen Schritt vor. Da sprang er plötzlich zurück und hob einen schweren Eichensessel mit der Kraft seines großen Körpers hoch empor. Regungslos, lauernd standen wir einander gegenüber. Keiner sprach mehr ein Wort. Langsam zog ich mein Messer heraus und wollte vorspringen. Doch da ich zustoßen wollte, schoß eine heiße Welle mir plötzlich in den Kopf. In diesem Augenblick erst erkannte ich die ganze ge\vraltige Größe der Stunde, auf die ich mein ganzes Leben eingestellt hatte. Nun stand er vor mir, der Mörder, der gemordet werden mußte um der Rache willen, da stand er. . . und da griff ich mit einemmal verzweifelt an meinen Kopf. Das Messer fiel zu Boden und ich schrie und schrie wie ein Irrer. Plötzlich, da ich ihn töten wollte, erkannte ich, daß in mir nichts war. Versteint war der Haß in mir. jetzt, da er auflodern hätte sollen, war ich innerlich ruhig geworden, leer war ich geworden und ich suchte den Haß in mir und ich fand ihn nicht. Vor mir stand ein Mensch, den ich nie in meinem Leben gesprochen hatte und den ich . . . ,Wo ist mein Haß, wo ist mein Haß?' schrie ich verzweifelt und verzweifelt sah ich mein Lebensgebäude im Augenblick der Vollendung vor mir zusammenstürzen . . . ,Was bin ich, wenn du nicht bist, der Mörder meines Vater!' rief ich, ,was war ich? Ein Schatten deiner Tage, ein Schatten, folgte ich dir, Schatten zu sein war mein Lebenszweck. Was bin ich, wenn du nicht mehr bist?' Noch einmal wollte ich das Bild der Mordszene vor mein Auge rufen, um meinen Haß neu zu entflammen, um alle anderen Gedanken zu töten, doch das oft Gesehene erschien nicht wieder. Ein rasender Wirbel erfaßte mich. Ein Heulen und Brausen jagte durch mein Gehirn. Da sprang der Offizier vor und schon schien der schwere Sessel auf meinen Schädel zu sausen ... da bückte ich mich, griff nach dem Messer und rannte es ihm, von unten herauf, in den Bauch . . . Ich habe ihn getötet. Ich, Chaim Feinberg, habe ihn getötet, nicht mein Haß hat ihn getötet, nur ich, ein Mensch, der mit einem Sessel hätte erschlagen werden sollen. Ich ließ die Leiche und ging in den Abend hinaus. Mein Kopf war völlig leer; an nichts konnte ich denken. Ich sah nur eine ungeheure Leere vor mir, einen luftlosen Raum, der mich in sich saugte. Haltlos fiel ich ins Unendliche und der Schrei einer Welt, die mir umsonst erschaffen worden war, traf mich in die aufgerissene Brust. Ich habe einem Phantom gelebt. Sklave war ich dem Haß. Und als ich dem Herrn, für den ich lebte, das große Opfer bringen wollte, verriet er mich, ließ mich im Stich und schwand in die Fernen, die mir verschlossen sind. Ich wollte einen Mörder rächen — und erlöste einen unheilbar Kranken von seinen Leiden. Es fiel der Mörder — und nicht als Opfer der Rache. Das, meine ehrenwerten Herren Richter, ist das Resume meines Lebens. Verurteilen Sie mich, denn ich bin schon verurteilt. Vor mir ist das Ende der Welt und Niemand kann mir eine neue aufbauen. Die alte Welt ist tot. Ich, der ich sie erbaut habe, will ihr folgen." Der Angeklagte wurde des Mordes an dem General Wladimir Popow schuldig erkannt und zum Tode verurteilt. Der Gerichtshof beschloß aber, dem Gerichtsherrn ein Gnadengesuch vorzulegen. Türkische Geheimbündler, die Feinberg für einen politischen Mörder hielten, drangen in der Nacht in das Gefängnis ein. um den Gefangenen zu befreien. Sie fanden ihn tot. Sein Leichnam hing am Fensterkreuz. Die ersten Strahlen der Morgensonne umspielten sein eingefallenes Antlitz und sein Körper war kalt, als hätte er nie gelebt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.