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Menorah · 1925-11-01 · Heft 11 (November 1925) · p. Seite 239

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 11 (November 1925)
Article
Der Mörder
Date
1925-11-01
Page
Seite 239 (sequence 1)
Language
German
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M E N O R A H 239 VIKTOR TISCHLER DER MÖRDER VON EUGEN HOEFLICH (M. j. ben Gawrie'I) Ich versuchte meine Gedanken auf dieses Spiel des Windes zu lenken, doch es gelang mir nicht. Nicht die leisen Schritte der Wärterin, die dann und wann durchs Zimmer ging, nicht das einförmige Fallen der Wassertropfen in die Muschel der Wasserleitung neben dem Bett, nicht einmal die verzweifelten Schreie, die aus unbekannten Räumen des Spitals kamen, konnten mich gefangen nehmen. Immer wieder ertappte ich mich beim Buchstabieren des Wortes Operation. Ich versuchte die Augen zu schließen. Und siehe, da verschwand die lange Reihe der Buchstaben und es wurde mir das Wort zum Begriff und ich sah einen Operationssaal von ungeheuren Dimensionen vor mir. Ich sah einen Patienten . . . sah, wie man ihn entkleidete . . . wie man ihn auf den Operationstisch legte ... da sprang mich plötzlich wahnsinnige Angst an und verbiß sich in mich. Erbebend vor Angst erkannte ich mich in dem Patienten und sah mich dort liegen, wehrlos, ohnmächtig, ein Stück willenlosen Fleisches . . . und sah auf meiner Brust das Erkennungszeichen des Gehetzten, das zum Spiegel des Todes werden mußte, wenn es der Feind des Wehrlosen erblickte. Unter zehn Leuten wird Einer wenigstens sein, der das Zeichen zu deuten weiß, der den freudlosen Verfolgten, dem Henker überliefert. Wieder ergriff mich unbändige Wut, es wich der karge Hoffnungsstrahl, der früher in mich gedrungen war, da ich gedacht hatte, eine Armwunde müsse bald geheilt sein und alle Möglichkeiten würden mir wieder offen stehen. Nun sah ich wieder alles düster, alle Wege mir verschlossen. Hoffnungslos war mir die Welt, und mein Anteil an ihr klein und gering und das Ziel meiner Bestimmung ward mir versinkendes, unerreichbares Land. Man führte mich in den Operationssaal. Als ich an einem offenen Fenster vorbeikam, wollte ich mich hinabwerfen. Man riß mich zurück. Müde und willenlos legte ich mich auf Tisch. Müde zog ich den süßen Duft der ersten Narkosetropfen ein und nur ein Wunsch war in mir: sterben! Sterben wollte ich, denn ich fühlte mich eingefangen in ein engmaschiges Netz, verstrickt darin bis zur Verzweiflung. Doch langsam, da ich mich schweben fühlte im süßen Genich, der mich erstickend umhüllte, verschoben sich die Bilder und die Gedanken, ein harter Schrei wollte in meine Kehle und miteinern war es mir, als hörte ich hinter mir die höhnische Stimme des Offiziers, der meinen Vater getötet hatte. Da riß ich alle Kraft an mich und schrie, mich aufbäumend, unter der Maske: ,Man hat meinen Vater erschlagen! Man hat meine Mutter erschlagen! Man hat meine Schwester getötet und ich will . . .' Zurückgerissen fiel ich mit dem Schädel hart auf . . . es begann plötzlich irgendwo zu regnen . . . der Regen kam näher. . . unablässig fiel er, als würden schwere Regentropfen auf große Trommeln fallen, wie sie die afrikanischen Regenzauberer haben. Dann erhob sich ein heulendes Brausen und mein Kopf begann zu wachsen; er wuchs und wuchs und erfüllte schließlich das ganze Zimmer, alles andere verdrängend. Und plötzlich hatte ich ein System im Geräusch der Tropfen gefunden. Ich unterschied Intervalle, wie bei Morsezeichen und bald hatte ich ihren Sinn erfaßt: laß dich nicht fangen!... du bist gezeichnet... laß dich nicht nicht fangen! Und auf helleren Trommeln schlug es dazwischen: Bluträcher, gedenke des Blutes . . . Gedenke der Rache! Unablässig telegraphierte es durch mein Gehirn bis eine Woge über mich zusammenschlug und ich hinabschwebte in die wesenlosen Tiefen der Bewußtlosigkeit." Fast tonlos hatte der Angeklagte geendigt. Erschöpft setzte er sich auf die Bank. Nach einigen Minuten fuhr er wrieder fort: DIE STADT „Ich erzähle Ihnen dies so ausführlich, nicht allein, weil diese Bilder unauslöschlich deutlich vor mir stehen, sondern weil diese Zeit meines Lebens in ihrer aufreibenden Intensität jener, mit der ich meinen Bericht begann, nicht unähnlich ist. Diese Zeit brachte mir Erlebnisse, die auf Zufälligkeiten aufgebaut waren, die sie, meine Herren, würden sie von ihnen in Büchern lesen, als konstruiert ablehnen würden. Ich nahm sie damals hin, alle die sonderbaren Zusammenhänge, als wären sie selbstverständliche Verkettungen, ohne auch nur über sie nachzudenken. Mir war der große Zufall, der nun eintrat, weder Fügung noch Bestimmung, er war mir Teil einer Kette von Ereignissen, die ineinander greifen mußten, wie Räder, die sich seit Ewigkeit ineinander drehen, wo jeder Zahn seinen bestimmten Platz hat. Mir waren diese Ereignisse durchaus nichts Wunderbares, denn wenn ich haderte und es verwünschte, daß dieser Mann immer und immer wieder seinem Schicksal entging, ohne überhaupt von der Gefahr, in der er dauernd schwebte, etwas zu wissen, erkannte ich immer wieder, daß sein Geschick, als das Geschick des Unterliegenden, daß mein Geschick als das Geschick des Siegenden vorgezeichnet war. So unabänderlich bestimmt, daß es mir als selbstverständlich erschien, daß alles so geschehen müsse, wie es vergezeichnet war, wie es eben geschah. Ich erwachte in einem Bette. Als würden tausend Schleier, mit denen ich bedeckt war, einer nach dem anderen weggenommen worden, so glitt ich aus den Tiefen der Bewußtlosigkeit wieder ins Leben zurück. Mein Kopf war dumpf. Langsam aber nahm ich an Wahrnehmungen zu und allmählich fühlte ich einen immer stärker werdenden Druck auf der Brust. Mit der gesunden Lland betastete ich mich und fand — zwei Verbände, statt einem; einen auf dem Arm und einen auf der Brust. Meine Sinne spannten sich. Ich versuchte mich aufzurichten. Da beugte sich eine Gestalt, die ich beim Erwachen undeutlich wahrgenommen hatte, über mich und flüsterte mir ins Ohr: ,Du darfst dich nicht rühren. Sprich kein Wort, du bist außer Gefahr. Nachts werde ich kommen und dir alles erzählen.' Voll Erstaunen wollte ich sprechen, doch die Gestalt, es mußte eine Wärterin gewesen sein, hatte das Zimmer verlassen. Meine Gedanken gingen wirr. Die Stimme war mir so bekannt vorgekommen, als hätte ich sie hunderte Male schon gehört. Was meinte sie, fragte ich mich, was meinte sie, welche Gefahr meinte sie und wie kommt dieser Verband auf meine Brust, gerade dorthin, wo das Mal des Todes sitzt? Allmählich umfing mich wieder wohltuende Müdigkeit und ich versank in das Tal regungslosen Vergessens. Es war völlig finstere Nacht, als ich durch ein Geräusch erwachte. Eine Gestalt saß auf dem Rande meines Bettes. .Sprich

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