Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 11 (November 1925)
- Article
- Der Traumsiedler
- Date
- 1925-11-01
- Page
- Seite 235 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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M E N O R A H 235 Ä^t.jflGT ERICH BRILL GRIECHISCHES KLOSTER Besitze Dr. Sachs, Jer Gerstenbrot gegessen habe, dann strotzt in mir die Kraft, das stolze Justament: ich bleibe nicht stehen, ich wälze es um. Es wäre gut, wenn dieser Abu Abdullah auch morgen herauskäme. Der Kampf stärkt, sein Unglaube entfacht in mir den Glauben, und so wird die Arbeit beschleunigt. Abends überblicke ich, was ich geleistet habe: es ist so wenig! Eine Unmenge Arbeit harrt noch meiner. Gemach, jetzt berechne ich nicht. Berechnen heißt — zaudern. Beim Nachtmahl reden wir kaum, in der Nacht schlafe ich hart, süß. Ein einziger tiefer Atem! Beim Erwachen ist es schon hell. Beracha hat Zeltchen gemelkt, meine Milch ist da. Ich trinke sie geschwind und laufe. Heute bin ich spät gekommen. Ich gehe mein Feld entlang: es frommt, daß ich es zwei Tage lang nicht gesehen habe. Die Gerste hat ein tieferes Grün bekommen, als wäre sie in den zwei letzten Nächten mit unsichtbaren Pinseln übertüncht worden. Hie und da glaube ich schon Ähren zu sehen. Die Kartoffel wuchert strauchig. Auch die Sprößlinge haben sich entwickelt. Der Reis ist noch immer schwach, obwohl ich ihn früher gesät habe. Wenn wir auch Wasser haben werden, eine Wasserader hier am Rand der Saat, was das hier für ein Leben sein wird! Auch der Reis wird seine schwüle Müdigkeit überwinden. Es ist ganz merkwürdig. Wie ich mich der Arbeit nähere, ist mir, als wären Leute dort. Ich sehe keinen, vielleicht ist jemand im Graben. Höre ich etwas? Spaten klirren zusammen und Hacken klappern am Gestein. Vielleicht klimpern dort meine Werkzeuge, die ich gestern zurückließ. Oder ist es nur ein Traum? Es ist nur das quäkende Geschrei der Frösche und das Echo, das von den Hügeln Tel-Chaloms zurückgeschlagen wird. Und dennoch. Jetzt sehe ich auch schon Bewegungen. Köpfe tauchen auf und fallen in den Graben zurück. Dort sind Leute. Einen Augenblick zuckt in mir der Verdacht auf: Abu Abdullah und seine Brüder. Sie sind gekommen um meine Arbeit zu vernichten. Sie füllen die Höhlung? . . . Nein, das lasse ich nicht zu! Der Schweiß rinnt mir von der Stirne, während ich laufe. — Hallo, Jischaj, bist du's? Wir kommen, dir zu helfen. Ibn al Farid beschwert sich, daß du unser Feld überschwemmen willst. Wir auch das deine. Ich muß lachen. Es sind meine Brüder, nicht Ibn al Farids. Meine Nachbarn. Sie sind gekommen, mir zu helfen. Sie dürften schon lange hier sein, denn sie haben bereits viel gearbeitet. Sie haben sich bereits entkleidet und beugen sich jetzt halbnackt über die Arbeit. — Schalom! Schalom! Da haben wir den roten Zebuion. Ein strammer Bursche, die Schulter etwas gekrümmt, aber stark. Er war Dienstmann in Bremen. Da ist Zriel mit den rötlichen Augen. Ein Lehrer aus Kiew. Als er gekommen ist, hustete er, jetzt ist seine Brust wie geschwollen. Auch Aaron, der polnische Soldat. Er hat eine Wunde auf der Stirn und in der Brust, aber sein Auge ist voll braunen Sonnenscheins. Er stoßt mit dem Spaten zu, als wäre es ein Bajonett. Mit dem Bajonett hat er wohl nie gestochen, nur ihn hat man gestochen. Der magere, schweigsame Mann mit den keuchenden Rippen und der Narbe eines breiten Stiches am Rücken heißt Nachmen. Greisler aus Drohobitsch. Er ist dem Pogrom entlaufen, Gott sei Dank, er hat heimgefunden. Wir sind fünf. Wir arbeiten. Der Graben wird tiefer und breiter. Und sie kommen noch, sie kommen der Reihe nach, die Traumsiedler. — Schalom! Iljitschka, der Arzt. Ezekiel vom Kapland. Alfieri, der in Saloniki das Schiff bestieg. Isa, Basje und Dinjuschka, die „Amazonen", wie sie spaßhaft genannt werden. — Schalom! Schalom! Schalom! Da kommt der einäugige Litauer und die zwei Brüder aus Kalifornien: der ältere Song und der jüngere. — Schalom! So sind sie einst draußen zur Versammlung gekommen, zur Beratung über Wege und Möglichkeiten, über Vergangenheit und Zukunft, zu reden, sprechen und debattieren. Hier wird nicht gesprochen. Das ist die Versammsung der Äxte. Einer macht den Anfang, die anderen folgen. Wie gut tut es mir zu wissen, daß diesmal von mir angefangen wurde. V. DIE KINDER VON BABEL Tel-Chalom, Schleusenbau. So unglaublich kommt es mir vor. Wenn ich die Augen schließe, höre ich das Geräusch der Werkzeuge; sie sind also hier. Aber wenn ich die Augen wieder Öffne und sie betrachte, dann muß ich mich fragen: ist es wahr? Iljitschka war im Schnee Sibiriens versunken, Ezekiel im Staub Kaplands, Aaron im polnischen Sumpf; den Zebuion fesselte des deutschen Hafens Wirrwarr, die drei Amazonen Moskau und Petersburg, die zwei Song das goldene Wunderglück Kaliforniens. Nord und Süd, Ost und