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Menorah · 1925-11-01 · Heft 11 (November 1925) · p. Seite 236

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 11 (November 1925)
Article
Der Traumsiedler
Date
1925-11-01
Page
Seite 236 (sequence 4)
Language
German
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236 MENORAH ERICH BRILL BUCHARISCHER JUDE West, Nordwest und Südost — welche Macht gebot der Windrose, ihren Kelch knospenhaft zusammenzuschließen, nachdem er jahrtausendelang ausgebreitet war? Welcher Wirbelsturm fegte die sonst so fremden Zonen zusammen? Ich höre oft, wie einer zum Gefährten spricht, aber ich verstehe nicht den Sinn; denn er spricht englisch oder russisch, litauisch oder deutsch, in der Sprache der Polen oder der Spanier. Mir schwindelt es. In welcher Zeit lebe ich? Oder lebe ich geistlos dahin? Träumt es mir? Oder zittert die Fata Morgana in der Schwüle? Das ist der Zeitturm, gleich dem von Babel, der seine Söhne in die Windrose gestreut hat. Die Söhne sind aus der Gefangenschaft Babels heimgekehrt. Sie haben ihre siebzig Sprachen mitgebracht. Dennoch gibt es hinfort keinen Wirrwarr, denn auch die erste Sprache ist ihnen eingefallen. Sie können den einst begonnenen Bau vollenden, hinauf bis zum Himmel . . . Sie werden den Himmel erstürmen und das Geheimnis des Anfangs und der Schöpfung aus seinem Versteck holen: die Erde war öde und unfruchtbar, der Wille aber sprach: „Es werde!" und die Öde erblühte. Ich wische meine schweißtriefende Stirne ab und schaue himmelwärts. Wo ist die Fata Morgana? Große rosenfarbene Wasservögel segeln über uns im heiteren Blau: eine wanderlustige Schar. Sie strecken die Beine unter sich aus, mit dem langen gekrümmten Schnabel durchbohren sie die Luft: Flamingos. Woher ich sie kenne? Hat es mir jemand gesagt? Nachmen von Drohobitsch beugt sich hinter mir über den Spaten, mit einem großen Pogrommesser unter der Schulter. Schweigsam wie er ist, spricht er auch jetzt nichts. Abseits von mir arbeitet Iljitschka, er redet zu mir, aber nicht von den Vögeln, immer nur von der Arbeit. Noch vier bis fünf angespannte Tage und wir sind fertig. Einmal stellt er sich vor mich hin und fragt mich: — Hast du Feldmeßkunst gelernt, Jischaj? — Nie. — Wie hast du denn gewußt, daß es der geeignetste Hügel ist? — Ich hab's mir nur so gedacht. — Du hast einen guten Instinkt, von hier wird das ganze Tal Wasser bekommen. Er schweigt, schlägt seine Hacke in den fetten Torf und arbeitet; dann legt er sein Werkzeug nieder, erklettert den Damm, faßt das Wasser ins Auge und sagt: — Wenn es nicht so ganz unabsehbar wäre, so dächte ich mir, es sei das Wasserbecken unserer Väter, worin man den Regen aufgefangen hatte. Iljitschka ist der Gelehrte unter uns. Ein Arzt. Er trägt farbige Hemden, die er nie, auch in der heißesten Arbeit nicht, auszieht, ja selbst die Ärmel nicht aufschürzt. Sein rasiertes Gesicht ist scharf, sein Auge noch schärfer, seine Stirne hoch, seine Nase knochig. Wen er anspricht, der fühlt dieses Gesicht auf sich, ohne es überhaupt zu sehen. Jetzt erzählt er von merkwürdigen Pflanzen, Bäumen, Sträuchern, über die er in Büchern gelesen hatte. Sobald wir den Sumpf abgeleitet haben, pflanzen wir einen Eukalyptuswald; der wird den zurückgebliebenen Schlamm aussaugen und ganz Tel-Chalom wird schöner, jünger und gesünder. Ich frage ihn, was er vom Reis weiß. Er denkt nach. — Mir scheint, diese Erde hat den Reis nicht gern. Da senkt sich mein Auge zur Erde und er versucht wohl mich aus der Verzweiflung zu heben, indem er rasch hinzufügt: — Aber es ist doch schön von dir, Jischaj, daß du Reis gesät hast. Frisch begonnen ist halb gewonnen! Wir werden sehen- Die Amazonen scheinen auch manches zu wissen; sie kommen von der Universität. Man könnte auch sie befragen. Indessen, sie verbergen hier ihr Wissen. Vielleicht schämen sie sich auch. Sie haben Philosophie studiert, wofür ist das hier gut? Ihre einzige Ambition ist, die Hacke so zu schwingen wie wir Männer. Und sie schwingen sie auch so, manchmal noch stärker. Diese dünne Isa ist kräftiger als Zriel von Kiew. Basje übertrifft auch Aaron. Dinjetschka legt die schwere Hacke zuweilen nieder und nimmt die Schaufel, um die Erde beiseite zu schaffen. Dinjuschka ist die Schwächste. Wir alle lachen, aber nicht so überlegen wie die zwei Mädchen; denn wir haben die schwache Dinjuschka schon alle liebgewonnen. Zebuion hüstelt, Alfieri richtet sich hoch auf, der jüngere Song streichelt seinen Bart. Aaron murmelt etwas. Der Litauer starrt mit dem einen Auge und meint, Dinjuschka möge nur mit der Schaufel arbeiten, er wolle die Arbeit mit der Hacke schon verrichten. Dinjuschka fühlt sich gekränkt und nimmt zum Trotz die Hacke. Ihr Gesicht ist jetzt, ob vor Verdruß, vor Anstrengung oder vor Hitze, so weiß in der weißen Leinenjacke, wie ein himmelwärts fliegender Flamingo in der Sonne. Die drei Mädchen haben die Liebe für Männer abgeschworen. Noch draußen. Darum heißen sie Amazonen. Sie wollen von nichts wissen als — von der Erde. Von der Kolonie. Von ihrer eigenen Traumsiedlung. Diese liegt tief drunten auf der Ebene, etwas höher als meine Siedlung. Ihre grünbraunen Streifen glänzen ... Ordnung und Strenge. Die magere Isa mit dem kurzgeschorenen schwarzen Haar ist eitel Trotz, fröhlicher Trübsinn. Wenn sie lacht, glaubt man, sie wolle weinen. Sie ist im ganzen eine lachende, längliche Träne. Wie viel Wärme sie birgt! Basje ist stark und ruhig, Dinjuschka kindisch, Isa aber ist die leidende Amazone. Was verhehlt sie und warum leidet sie? Zuweilen ist mir, als wäre sie Iljitschkas Schwester. Sie sind einander so ähnlich. Nur ist Iljitschka offener. Isa ist eine verschlossene Blume. Wie sie den Mund einbeißen kann! Als wären sie einander böse. Iljitschka hat eine tiefe Männerstimme von einer weichen öligen Färbung, so wie herbe Mandeln. Man ist versucht zu glauben, diese Bitterkeit gelte dem Mädchen. Und Isa ist voll düsteren Trübsinns, wenn sie ihn anblickt. Jetzt, wo Iljitschka auf den Damm tritt und bei ihr vorübergeht, laufen ihr zwei Querfalten unter den Augen und durch die Stirne und in ihrer Hand erbebt die Hacke. Wer das verstünde! Sr/ihiß des V. Kapitels und das VI. Kapitel folgt in der nächsten Nummer

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