Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 11 (November 1925)
- Article
- Der Traumsiedler
- Date
- 1925-11-01
- Page
- Seite 234 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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234 M E N O R A H ERICH BRILL JUNGER ARABER — Ja — antwortet Beracha — ich habe es erst heute gesehen, die Saat bekommt Farbe. Auch die Kartoffel buscht sich. — Aber der Reis! — Schlafe, Jischaj, mach' dir keine Sorgen. Schlafen soll ich? Ich soll mir keine Sorgen machen? Ich kann nicht schlafen. Ich mache mir aber auch keine Sorgen. Jetzt nimmermehr. Ich suche mir morgen den niedrigsten Hügel und haue mit der Hacke los. Es wäre gut, die Sache mit den Nachbarn zu besprechen. Auch sie brauchen Wasser. Aber ich habe keine Zeit. Auch keine Geduld zu langen Erwägungen. Und vielleicht werden sie gar nicht einverstanden sein. Sie könnten mich entmutigen. Nein, davon werde ich niemandem erzählen. Selbst meiner Beracha nicht. — Laß gut sein, ich schlafe schon, ich mache mir keine Sorgen. Ich kehre mich zur Wand und warte auf den Tagesanbruch, der die endlose Nacht ablösen soll. Und wie, wenn ich das Morgengrauen nicht abwarten würde? Wenn ich eine halbe Stunde früher aufbreche? Der Weg ist lang, es wird auch besser sein, etwas früher aufzubrechen, damit ich beim Morgengrauen zur Stelle bin- Ich stehe geräuschlos auf.. . — Schlafe nur, Beracha, die Zeit zum Melken ist noch nicht da, ich muß heute früher beginnen. Und ich hole schon Axt und Spaten. Es ist still und dunkel, eine Eule wimmert droben. Hier unten bin ich allein. Ob die anderen Kolonisten noch schlafen? Der „Mohnkuchen" und die Berge hinten dämmern gleich weißen Kristallhaufen. Ich beschleunige meine Schritte. Gehen, gehen! Ich habe eine so fieberhafte Kraft in den Muskeln: Mit einigen starken Hieben durchschneide ich den Damm. Und setze die Wasser in Bewegung ... Ja, ich setze den trägen Morast, der hier Jahrhunderte hindurch untätig still stand, in Bewegung. Ob ich das auch wirklich in Bewegung setze? Mit wenigen starken Hieben? Ich bin ein Phantast. Die Arbeit ist schön, aber zu gewaltig. Wochen, Monate wird man dazu brauchen. Vielleicht gar Jahre. Sobald ich den niedrigsten Hügel gefunden habe, werde ich klar sehen. Wenn ich es lange überlege, wenn ich es lange erwäge, faßt mich der Schwindel. Soll ich an die Arbeit gehen? Kann ich mich hier Jahre lang abplagen? Nein, ich werde nicht müßig zusehen. Nur immer zu! Jetzt, wo ich mitten in der Arbeit bin, scheint es nicht mehr so unerreichbar. Man braucht nicht Jahre dazu. Vielleicht nicht einmal Monate. Vielleicht nur Wochen. Und auch die Wochen büßen ihre Länge ein, wenn ich sie nicht mit dem Gehirn, sondern mit den schwungbereiten Armen messe. Vielleicht wird es nur ein Tag sein, den ich durcharbeite, eine einzige Nacht, die ich mit einem Atemzug auf dem Lager durchschlafe. Bis ich aufgestanden bin, ist die Arbeit fertig, als wäre sie von den Gestalten meines Traumes durchgeführt. Gleich wird es Mittag. Die Sonne thront schon auf der Höhe des Himmels, aber die Arbeit ist noch lange nicht fertig. Nein, ich bin erst beim Anfang. Ich muß mich bis zum Gürtel entkleiden, denn es ist mir so warm. Ich arbeite mit Schaufel und Spaten; denn die Erde ist noch feucht und klebrig, aber zuweilen brauche ich schon die Axt auch. Ich möchte nachhause, denn ich bin hungrig? Nein, ich bin es nicht; aber Beracha wird unruhig sein. Ich gehe aber noch nicht. Gleich, ich muß zuvor noch mit dieser Strecke fertig werden. Und mit diesem Stückchen. Mit dem Erdbuckel hier und mit jenem Streifen. Es ist Nachmittag. Nein, ich bin nicht müde. Nur nicht verzagen! Zipporah bringt das Mittagmahl: Kleiensuppe und braunes Gerstenbrot. Ein schönes, kräftiges Kind, so rotgebrannt von der Sonne! — Mutti hat dich gesucht. Rüben sagt, er hat dich in der Nähe des „Mohnkuchens" gesehen. Man weiß also schon, wo ich arbeite. Um so besser. Man braucht es aber nicht weiter zu erzählen. Wie gut die Kleiensuppe schmeckt. Auch das Brot ist besser als sonst. Ich schöpfe neue Kraft. Ans Werk! Wenn ich tiefer grabe, sprudelt das Wasser auf der rechten Seite schon hervor. Es ist ja gar kein Morast, es ist ein Teich, nur am Rand ist es schlammig geworden. Ich grabe nicht tiefer. Jetzt noch nicht. Erst wenn der Weg ganz fertig ist. Auch dann nicht. Ich muß erst eine Schleuse machen, daß die Flut nicht durchbricht. Da sei Gott vor! Sie könnte ja das ganze Tal überschwemmen. Aber bis dahin habe ich es noch weit. In Klaftertiefe muß ich die Erde auf einer langen Strecke aushöhlen. Wird es lange dauern? Ich habe ja auch daheim zu tun. Auf meinem Feld auch. Es wäre gut, wenn jemand mir behilflich wäre. Eigentlich bedarf es hier einer ganzen Reihe starker Männer. Die braunen Quadrate dort und jene bleichgrüne Streifen mitten im Braun . . . Überall täte ein werktätiger Bruder not. Sie brauchten ja den befeuchtenden Kanal so gut wie ich. Soll ich zu ihnen gehen? Jetzt kann ich nicht. Ha, dieser Felsen! hier braucht man die Hacke . . . Wie kommt er aber in den Magen eines so milden Hügels? Entsetzlich, wie hartnäckig er ist. Ich bin schon taub im Kampf von Stein und Eisen, fast blind schon von den Splittern, die mir ins Auge springen, und mir ist als stehe jemand vor mir und sehe meiner Arbeit zu. Wie ich die Hacke niederlege, sehe ich, daß ich mich nicht getäuscht habe. Abu Abdullah auf seinem weißen Esel. Mit dem herben Lachen im Gesicht. — Was treibst du, Jude? — Du siehst es — entgegne ich ihm kurz; denn ich fühle einen Groll gegen ihn. — Du willst das Wasser umwälzen, das durch Allahs Weisheit zur Ruhe bestimmt ward? — Ja. — Meinetwegen. Er wendet seinen Esel und trabt fort. Ich habe das Gefühl, daß ich im kleinen Kampf, der sich soeben zwischen uns abspielte, der Sieger blieb. Er weiß bereits, daß ich das Wasser umwälzen werde. Und er ahnt, daß ich es wegen des Reises tue. Hehehe, du hast Reis gesät, hehehe, Perlen! — Hehehe, der Reis wird keimen, da werde ich wieder einmal lachen. Wenn ich noch eine Schale starker Kleiensuppe und noch ein Stück