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Menorah · 1925-11-01 · Heft 11 (November 1925) · p. Seite 230

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 11 (November 1925)
Article
Der erste Abgeordnete der Juden im österreichischen Parlament
Date
1925-11-01
Page
Seite 230 (sequence 2)
Language
German
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230 M E N O R A H „RABBI MEISELS HOF" Nach einer Zeichnung von Lyonel S. Reiss tige Schwiegervater einen bestimmten Betrag an die Speisekasse der Jeschiwahzöglinge abgeben. So wurde auch einmal Simon von den Schatz-Bochrim dazu ausersehen, einem reichen siebenbürgischen Schwiegervater in spe die Schätzung mitzuteilen. Als er so zögernd in die Stube kam, fragte ihn der reiche Jid aus Sieben bürgen: ,,Na, Bocher, bist du gekommen zu schätzen, wie schwer der Ochs ist??" — ,,0 nein, sondern um zu sehen, was für ein Ochs der ,Schwähr' (Schwiegervater) ist . . ." Wissen und Klugheit des Jungen wuchsen von Jahr zu Jahr. Bald pflegte der Vater mit ihm die Grundzüge des Lehrvortrages noch vor dem öffentlichen Schiur durchzusprechen, denn er schätzte überaus den Geist und die Verstandesschärfe des jungen Gelehrten. Als der Vater einmal ein überaus schwieriges talmudisches Thema erklärte, entstand unter den Schülern eine heftige Disputation. Die Worte flogen von einer Reihe zur andern, immer hitziger wurde die Debatte, Widerspruch zur Auslegung des Meisters wurde laut, umsonst versuchte der Preßburger Raw seine Bachurim zu beschwichtigen, sie wollten nicht zur Ruhe kommen. Schließlich sagte der Chasam Saufer: „Was nutzt euch das Streiten? Ich habe es schon mit meinem Reb Schimon besprochen und der hat gesagt, es ist richtig . . ." Mit sechzehn Jahren heiratete Simon. Ein Sechzehnjähriger war damals schon heiratsfähig und die Frühehe war für den frommen jungen Mann der Weg, den ihm das Gesetz empfahl, wenn die Zeit gekommen war, das Vermächtnis Abrahams an eine neue Generation weiterzugeben. So fuhr der Sohn des Preßburger Raw auf Brautschau und wählte Mirjam, die Tochter des angesehenen und gelehrten Kaufmannes BerSternberg aus Nagy Karoly- Einmal sagte dem jungen Bräutigam der Chasam Saufer: „Du weißt doch, es steht im Midrasch, daß der Beer (Brunnen), den unser Lehrer Mauscheh aus dem Felsen schlug, nur vom Verdienste Mirjams gespeist wurde." Simon verstand diese Anspielung auf seinen Schwiegervater B e r, der besonders stolz darauf war, daß er seine Tochter Mirjam mit dem Sohne des Chasam Saufer verheiraten konnte. Aber der ebenso belesene wie schlagfertige Simon wollte dies nicht unwidersprochen lassen und antwortete: „Gewiß, aber es steht gleich danach: ,Aber der ,Man' ist das Verdienst Mäuschens." (Doppelsinn: „Man" soll zunächst das Manna bedeuten, das über die Bitte Moschehs vom Himmel fiel, ist aber zugleich eine Anspielung darauf, daß auch er, der „Mann" seiner Braut, kein eigenes Verdienst habe, sondern es auf seinen Vater Moses Schreiber zurückführen müsse.) Nach der Hochzeit besuchte er wieder das Lehrhaus seines Vaters und forschte insbesondere im kabbalistischen Schrifttum, wobei ihm der Dajan Reb Nata Wolf behilflich war. Auch aus dieser Zeit wird ein charakteristischer Zug seines gutmütigen Wesens ihm nacherzählt. Er hatte überaus viele und prächtige Hochzeitsgeschenke bekommen. Unzählige Becher und unzählige Löffel. Kam ein verarmter ehemaliger Mitschüler oder sonst ein Bedürftiger und klagte ihm seine Not, so ging er zum Silberr.chrank, nahm ein oder zwei Löffel heraus und bat, sie zum Verkauf zu tragen. Bis eines Tages seine Frau dahinter kam, daß der schöne Hochzeitsschatz verschwunden war. Großes Geschrei im Hause, Verdächtigungen nach allen Seiten. Simon beschwört seine Frau Mirjam: „Nur keine Verdächtigungen — nur keine Verdächtigungen . . ." Er kennt ja den „Dieb". Der Vater lächelt zu den Klagen der Schwiegertochter, er kennt ja seinen Sohn und entscheidet, daß der Schlüssel zum Silberschrank in Hinkunft bei ihr verbleibe . . . Als ihm sein erster Sohn Akiba geboren wurde, starb der Vater. Simon Schreiber übersiedelte zu den Schwiegereltern nach Nagy Karoly. In einer Abschiedsrede, die ebenso geistreich wie schwungvoll gewesen war, nahm er von Preßburg Abschied, vom Elternhaus und von der Jeschiwah*). Bald darauf wurde er von der Gemeinde Mattersdorf (im heutigen Österreichischen Burgenland) zum Rabbiner gewählt. Auch sein Vater hatte vor Jahren an dieser Stelle gelehrt. Es war selbstverständlich, daß auch der Sohn die Angelegenheiten der Gemeinde im Geiste des Chasam Saufer führte. Er widmete sich mit besonderer Sorgfalt der Erziehung und Belehrung der Jugend und es wird ihm nachgerühmt, daß er sich auch mit dem kleinsten Kinde vorzüglich zu verständigen wußte. Eines Tages kamen Boten der großen Gemeinde Krakau und baten ihn, die seit langem leere Rabbinerstelle übernehmen zu wollen. Er weigerte sich zunächst. Allzu groß wäre die Verantwortung, die auf ihn fiele, wenn er den Platz so bedeutender Vorgänger einnehmen würde. Erst die Zurede des berühmten Gaon Chaim Halberstamm aus Neu-Sandec bewog ihn, die Wahl der Krakauer Gemeinde anzunehmen. Bald darauf — 1 860 — hielt er seinen feierlichen Einzug. Simon Schreiber zählte zu den Gründern der Vereinigung gesetzestreuer Juden „Machsike hadass". Er gab unter dem gleichen Namen auch eine hebräische Wochenschrift heraus, die sich lange erhielt und erst 1914 ihr Erscheinen einstellen mußte. Im Jahre 1878 war die von ihm geführte Bewegung bereits derart angewachsen, daß in Lemberg eine große Konferenz der gesetzestreuen galizischen Juden abgehalten werden konnte. An ihr nahm teil, wer unter den Frommen Rang und Namen hatte, alle, Chassidim wie Misnagdim, Wunderrabbis und Gelehrte. An dieser Konferenz beteiligten sich auch Abgesandte der „frommen" Gemeinden aus den übrigen Teilen des alten Österreich, insbesondere aus Böhmen und Mähren, in welchen Ländern damals noch das jüdische Leben und Schrifttum in hoher Blüte stand. So gehörte zum Beispiel auch Dr. Guggenheim aus Kolin, ein Schwiegersohn des berühmten Frankfurter Rabbiners Samson Raphael Hirsch s. A. zu den Teilnehmern dieser interessanten Versammlung. Rabbi Simon Schreiber führte den Vorsitz und so lernten seine an solche Veranstaltungen nicht gewöhnten Landsmänner von ihm das A-B-C des Parlamentarismus. Die Leitung dieser und der späteren Konferenzen mögen wohl auch für den Krakauer Rabbiner eine gute Vorschule zu seiner späteren Tätigkeit als Abgeordneter gewesen sein. Unter dem Ministerium Taaffe wurde schließlich Simon Schreiber im ostgalizischen Bezirk Kolomea—Sniatyn—Buczacz zum Abgeordneten gewählt (1879). Obwohl er einen Ruthenen, der übrigens Staatsanwalt war, zum Gegenkandidaten hatte, verhalfen ihm sogar christliche Stimmen zum Siege. Allerdings galt er als ein Kandidat, der der Regierung „genehm" war. Anderseits hatte er es verschmäht, durch Agitation und Propagandareden sich *) Sie ist in seinem Nachlaßwerke „Michtaw Saufer" aufgenommen worden, das von Rabb. Josef Stern und Herrn W. B. Schreiber herausgegeben wird und in Klausenburg erscheint.

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